München - Der Sexualmord am kleinen Peter aus Neuperlach erscheint wie ein Verbrechen mit Ansage - doch die Justiz erklärt, sie habe nichts dagegen unternehmen können. Seit Monaten plante Martin Prinz, sich an dem Neunjährigen zu vergehen und ihn notfalls umzubringen. Das hat der Täter inzwischen gestanden. Die Justiz wusste, dass eine Zeitbombe tickt. Sie verfügte aber, folgt man der Darstellung des Leitenden Oberstaatsanwaltes Peter Boie, über keine wirksamen Instrumente, sie zu entschärfen. Bayerns Innenminister Günther Beckstein (CSU) fordert nun eine Zwangstherapie für junge Straftäter.
Minutiös schilderte Prinz, der jetzt im Straubinger Gefängnis einsitzt, die wichtigsten Einzelheiten seines Verbrechens - "nahezu kalt" wirkte er dabei auf den ermittelnden Kriminaloberrat Harald Pickert: Schon vor einiger Zeit beschaffte sich Prinz Müllsäcke und Handschellen. Am Donnerstag passte er den Jungen nach der Schule ab - Peters Mutter sei mit einem seiner Brüder beim Arzt. Die beiden kehrten kurz in ein Neuperlacher Lokal ein und fuhren dann mit Bussen und Bahnen zum Wohnheim des Täters an die Wasserburger Landstraße.
Dort missbrauchte Martin Prinz sein Opfer, erstickte es mit einer Plastiktüte und versteckte die Leiche, an der er sich in der Nacht noch einmal verging, zunächst in einem Schrank. Als ob nichts vorgefallen sei, beteiligte er sich als Freund der Eltern am Donnerstagabend an der Suche nach dem vermissten Jungen. Hinterher zechte er bis fünf Uhr morgens mit einem Zimmernachbarn. Kurz darauf entsorgte er den Leichnam des Kindes in einem Sammelmüllcontainer, der am Freitag geleert werden sollte. Nur weil die Polizei "blitzschnell ermittelt" habe, konnte der leblose Körper des Buben in Tatortnähe sichergestellt werden, sagte Oberstaatsanwalt Boie.
Boie kritisierte Lücken im Jugendstrafrecht und die so genannte Führungsaufsicht in ihrer bisherigen Form scharf. Die Justiz habe keine Handhabe besessen, den wegen eines früheren Kindsmordes bis April vergangenen Jahres einsitzenden Prinz nachträglich in Sicherheitsverwahrung zu nehmen - obwohl ihn ein Gutachten noch im Februar 2004 als Risikoprobanden eingestuft habe. Die nur teilweise unter Androhung von Strafe gestellten Auflagen der Führungsaufsicht hätten es zudem nicht zugelassen, den Kontakt des Täters mit seinem späteren Opfer zu unterbinden. Der Jurist forderte, die entsprechenden Gesetze "schneidiger zu gestalten".
Martin Prinz, der sich bereits 1994 in Regensburg an einen elfjährigen Ministranten vergangen erstochen hatte, hatte sich nach seiner Haftentlassung nicht wie auferlegt kontinuierlich in Therapie begeben. Boie berichtete, der Pädophile habe einerseits Termine geschwänzt. Andererseits hätten Therapeuten ihn als Patienten abgelehnt. Im August flog Prinz aus seiner Unterkunft im evangelischen Bodelschwingh-Haus an der Schillerstraße, weil er sich an einen Buben herangemacht hatte.
Voll im Gange ist nach dem Mord, von der bayerischen Familienministerin Christa Stewens (CSU) als "abscheuliches Verbrechen" bezeichnet, die politische Diskussion. "Jugendliche, die eine schwere Straftat begangen haben, sollten in Zukunft dazu verpflichtet werden, sich einer Therapie zu unterziehen", forderte Innenminister Beckstein. Falls sie sich verweigerten, müssten sie in eine geschlossene Anstalt eingewiesen werden, bis sie zur Therapie bereit wären.
Prinz' Bewährungshelferin hatte die Familie schon im November über die Gefahr informiert, in der ihr Sohn schwebte - ohne Folgen: "Die Eltern haben die Brisanz der Lage nicht erkannt", sagte Boie. Peters Vater war mit dem Mörder seines Kindes befreundet, seit er ihn im Gefängnis kennen gelernt hatte. Das Jugendamt war Ende Januar eingeschaltet worden, fand aber nach eigenen Angaben keine Hinweise auf einen sexuellen Missbrauch in der Familie. Am Freitag, dem Tag, an dem Peters Leiche gefunden wurde, war ein Hausbesuch anberaumt - zu spät. Münchens Sozialreferent Friedrich Graffe (SPD) sieht bei sich keine Versäumnisse.
(Münchner Merkur v. 21.02.2005)
