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Bundesfamilienministerin Schmidt: "Wir sind ein kinderentwöhntes Land"
 
Geschrieben von onedaydie am Mittwoch, 16. Februar 2005

Nachrichten und Aktuelles Deutschland muss familienfreundlicher werden, um die einmalig hohe Kinderlosigkeit zu bekämpfen. Im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung hat Bundesfamilienministerin Renate Schmidt auf die schlechten Bedingungen hingewiesen, Kinder und Beruf zu vereinbaren.
Daher plädiert Schmidt für bessere Betreuungsangebote und eine familienfreundliche Arbeitswelt.

Deutschland hat nur noch 1,3 Kinder je Frau. Jede dritte Frau, die vierzig wird, bleibt kinderlos. Was ist schiefgelaufen?

Unsere hohe Kinderlosigkeit ist einmalig auf der Welt. Die Kinderlosigkeit von Frauen und genauso von Männern nimmt zu, je qualifizierter und länger die Ausbildung ist. Jeder, der eine gute Ausbildung gemacht hat, möchte zuerst Fuß fassen im Beruf. Und mit 34 wird es immer schwieriger, sich für ein Kind zu entscheiden. Wenn man es dann will, kommt es oft nicht.

Warum ist das in anderen Ländern anders?

Bei uns gibt es die schlechtesten Bedingungen, Kinder und Beruf zu vereinbaren. Zudem haben Menschen mit Kindern das Gefühl, daß Kinder in dieser Gesellschaft nicht erwünscht sind. Wir sind zwar kein kinderfeindliches Land, aber ein kinderentwöhntes. Kinder gehören nicht mehr zu unserem Alltag.

Sie selber haben mit 18 Jahren Ihr erstes Kind bekommen.

Zu meinem großen Glück.

Sie sind deswegen vom Gymnasium abgegangen.

Abgegangen? Ich mußte die Schule verlassen, weil es damals, 1961, eine Schande war, die ich angeblich über die Schule gebracht habe, weil ich ein Kind erwartete von dem Mann, den ich geliebt und dann auch geheiratet habe.

Ihr zweites Kind haben Sie mit zwanzig bekommen, ein drittes mit 27. Mit 29 sind Sie in die SPD eingetreten. So alt sind heute die deutschen Frauen, wenn sie ihr erstes Kind bekommen. War es damals leichter, Kinder zu haben?

Damals gab es keine Elternzeit, kein Kindergeld, kein Erziehungsgeld. Als ich als Programmiererin zu arbeiten anfing, gab es die 48-Stunden-Woche, 14 Tage Jahresurlaub. Nach den Geburten war ich acht Wochen später wieder am Arbeitsplatz. Das war schwieriger. Einfacher war, daß die ganze Familie an einem Ort wohnte. Da gab es immer jemanden, der sich um die Kinder kümmerte. Mein Betrieb hatte einen Kindergarten, der von früh bis abends geöffnet hatte. Ohne diese Erleichterung hätte ich das nicht geschafft. Und ich hatte einen Chef, der mir erlaubte, meine Kinder, die für mich das Wichtigste waren, zu betreuen, wenn sie krank waren. Dafür kam ich dann auch mal abends in die Firma.

Was kann, was soll der Staat tun?

Er kann dafür sorgen, daß Menschen sich die Kinderwünsche, die sie haben, erfüllen können. Siebzig Prozent der Mütter, die heute zu Hause sind, wären lieber erwerbstätig. Eine solche Mutter entscheidet sich nicht für weitere Kinder, weil sie zurück in den Beruf will. Deshalb brauchen wir bessere Betreuungsangebote, auch für die unter drei Jahre alten Kinder. Auch Unternehmen erkennen zunehmend die Bedeutung von Familienfreundlichkeit. Wir wollen in unserer Allianz für die Familie, die ich mit Spitzenverbänden der Wirtschaft und Gewerkscharten gegründet habe, Deutschland familienfreundlicher machen. Das rechnet sich. Investitionen in Fanlilienfreundlichkeit haben eine durchschnittliche Rendite von 25 Prozent. Überdies brauchen Eltern Zeit für ihre Kinder. Sie wollen ihre Kinder nicht in der Kinderkrippe abgeben und sie im Alter von 18 Jahren mit den vereinbarten Qualitätsmerkmalen aus einer Ganztagsschule abholen. Das heißt: Wir brauchen flexible Arbeitszeitmodelle.

Umfragen legen nahe, daß Betreuung nicht so wichtig dafür ist, ob man weitere Kinder bekommt. Setzt man auf das falsche Pferd?

Nein. Die Ganztagsbetreuung soll für diejenigen sein, die sie wollen und brauchen. Es sind vor allem auch die gut ausgebildeten Mittelschichtfamilien, die immer weniger Kinder haben. Die Angst vor beruflichen Nachteilen ist ein häufig genannter Grund für Kinderlosigkeit. Ein gutes Betreuungsangebot ist wichtig; genauso wichtig ist aber eine familienfreundliche Arbeitswelt. Und wir brauchen auch eine neue Sicht auf die Familie. Kinder werden als Armutsrisiko und Last dargestellt, als etwas ganz Fürchterliches. Die Menschen, die Kinder haben, empfinden sie aber als Bereicherung und Freude.

Haben Sie den Kanzler bekehrt?

Der Bundeskanzler unterstützt mich kräftig. Er hat, das sagt er von sich selbst, eine kluge Ehefrau, und er hat durch sie in den vergangenen Jahren viel dazugelemt. Sie hat ihn sicherlich etwas mehr bekehrt als ich. Die Mannsbilder haben begriffen, daß Familienpolitik nicht ein weiches Weiberthema ist, sondern ein hartes Zukunftsthema.

Sie bekommen auch Lob von Konservativen. Sind Sie eine Ausnahmeerscheinung in der SPD?

Ich bin eine "wertkonservative Feministin". Ich will Frauen dabei unterstützen, ihre Lebensvorstellungen zu verwirklichen: Erfolg im Beruf und Kinder zu haben. Das ist ursozialdemokratisch und urfeministisch. Wenn Konservative mir zustimmen, dann freue ich mich.

Es gibt bei uns eine Mentalität, alles erreicht haben zu müssen, bevor man sich Kinder leistet.

Wenn man Kinder hat, braucht man Zuversicht. Wenn ich mir anschaue, was heute alles da sein muß, bevor man sich für ein Kind entscheidet: zwei absolut sichere Einkommen, satt was auf dem Sparkonto, möglichst eigenes Haus oder eigene Wohnung. Da übertreiben wir. Wenn es früher so gewesen wäre, hätte ich nicht drei, sondern null Kinder. Kinder brauchen vor allem liebevolle Zuwendung, Verläßlichkeit und Anregungen.

Die Fragen stellte Markus Wehner.

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