Irgendeiner hatte mich an der Schulter, erzählte mir etwas, ich sei dran oder so und schob mich in ein Zimmer. Wie? Ach ja, ich sollte vorsprechen für den neuen Rama-Clip, die männliche Rolle.Ich spielte mechanisch, emotionslos, die Gefühle saßen im Wartesaal davor und himmelten die Kollegin, den blondgelockten Engel mit dem Zuckerlächeln an.
“Herr Fromm?”
Oh was für´n Weib, ich musste sie haben. Sie in der weiblichen Rolle, dann könnte ich richtig loslegen.
“Äh, ja.”
“Nun, sie passen in die Rolle, nur ...”
Ihre Rundungen wickelten mich ein.
“Ihre Haare.”
“Herr Fromm, hören sie?”
Niedliche Wölbungen unterm T-shirt.
“Herr Fromm!”
“Wie, ja. Die Haare.”
“Herr Fromm, grundsätzlich können wir ihnen die Rolle geben. Ihre Haare sind zu lang, die müssen ab. Das ist Bedingung.”
“Ja.”
Ich sehe gut aus, bin sehr nett, sagt man. Also warum sollte ich nicht bei ihr landen?
“Also dann melden sie sich bitte bei Herrn Young, er wird ihnen weiter Anweisungen geben.”
“Ja”
“Herr Fromm? Herr Fromm?!”
“Ja.”
“Bitte ihre Mappe. Und die Mütze. Ja dann, bitte draußen zu Herrn Young. Auf Wiedersehen.”
“Ja.”
“Herr Fromm. Auf Wiedersehen!”
“Äh ja, tschüss.”
Die nächsten Wochen lebte ich nicht. Der Kellner im “Ufo“, Mola´s Ex- Freund, Verkehrsteilnehmer, Untermieter, alle Julius Fromm ohne mich. Ich tänzelte mit ihr auf einer Wolke mit Wir-sind-die-einzig-Liebenden-Klang. Nur ein Termin erreichte mich wirklich. Der erste Drehtag - mit IHR! Der Himmel hatte mich erhört, sie war die weibliche Rolle im Werbefilm. Ich durfte mit der Wunderschönsten auf einer Wiese Liebesleben spielen und lüstern in ein Rama-Brot beißen. Welche Vorstellung!
Der Tag X. Mein Dasein hatte sich auf eine Szene reduziert. SIE UND ICH - Liebe lullte uns voll und ganz ein. Wir lagen im feuchten Grasgrün, von winkenden Baumarmen gesäumt mit Traumblau bedeckt. Rama-Brote hatte unsre Gaumen verwöhnt und sie posierte, blondgelockt im Blumenkleid als Schatz an meiner Seite. Überall goldenes Klingen, fröhliches Lachen, süßer Geschmack. Ich kroch an sie heran, spürte ihre Pfirsichhaut, Kitzeln ihrer Locken, himmlische Küsse, niedliche Wölbungen unterm T-shirt begannen zu tänzelnd.
Womm! Der Wecker hatte etwas mörderisches. Was sollte das? Ach ja, heute war der erste Dreh. Mensch Junge raus, das ist dein Tag! Heut darfst Du sie vernaschen. Ruhe da unten, du bist noch nicht dran. Ich hüpfte ins Bad, auch ohne Kaffeeputsch munter. Mein Styling würden den besten Julius zum Vorschein bringen. Hey Baby nur für Dich. Duschen, Rasur, sexy Shorts und natürlich das neue Rasierwasser. Hey Baby nur für dich! Ich kippte eine Extraladung in die fliegenden Hände und bäbbte mir das scharfe Zeug ins Gesicht. Ein letzter Kontrollblick in den Spiegel, dann wollte ich losrennen. Wie, wer war das? Ein Putzlappen für das Glas. Hallo Julius wo bist Du? Was sollte das? Im Spiegel glotzte mich ein wohlgekämmter, gut duftender Julius an - über und über mit Pusteln versaut! Uahhhh wo kamen die her?! War ich krank oder was? Entsetzlich!
Nach dem ersten Schock untersuchte ich das Übel genauer. Die Wangen glühten. Kleine eklige tiefrote erhabene Knöpfe klebten Rücken an Rücken auf meiner Haut und lachten mich an, ne aus. Wie um Himmels willen sollte ich so drehn? Und mein Engel? Sie würde sich zu Tode ekeln.
Das Aftershave wars; eine allergische Reaktion auf den geilen Duft. Und nun? In zwei Stunden musste ich am Set sein. Die Haut quoll auf und nahm Zombiecharakter an. Man Julius, mach was! Mein verstaubter Apothekerschrank gab nur verschlüsselten Rat. Voltaren, Betaisodona, Anaesthesulf, Hansaplast und Co.? Was würde mir diese Ekelpakete vom Gesicht ätzen?
Der dollste Affentanz mit quitschigem Ich-werde-gleich-Tod-Gesang war das Resultat von Anaesthesulf. Von wegen Linderung bei nässenden Hauterkrankungen, verbrennen wollt mich die Höllensoße! Ich gab endlich auf.
“Herr Dumbach? - Hören sie, ich kann nicht kommen. Ja bin krank geworden. So ein blöder Ausschlag im Gesícht ...”
“Herr Fromm?”
“Ja der.”
“Gut das sie anrufen. Ihre Kollegin, die Frau Gabelski, sie wissen schon, die weibliche Rolle. Ja also die ist heut morgen ausgeflippt - Moment, ja ich komm gleich muss nur dem Fromm noch ... Herr Fromm, sind sie noch dran?”
“Ja, was ist passiert?”
“Also die Dame hat ihren Kollegen, Uli Gauber, mit der Nagelfeile erstochen. Der wollte ihr wohl an die Wäsche. Hier ist überall Polizei. Der Dreh platzt - Moment - JA ICH KOMM VERDAMMT! Also sie bekommen Bescheid Herr Fromm. Bis dann mal. Auf Wiedersehen.”
Ein Lachkrampf schmiss mich ins Sofaeck und ich beschloss den Tag zu verschlafen.
Copyright Rita Brandenburger 2004

