Flexibles Training für den Job Wer
heutzutage den beruflichen Anschluss nicht verpassen will, klemmt sich
nach Feierabend hinter seinen Computer und nimmt an einem Fernlehrgang
teil.
Für Susanne Kühn gehört E-Learning bereits zum Arbeitsalltag. Jeden
Tag nach Büroschluss paukt sie im Internet englische Vokabeln. Vor
einem halben Jahr hat sich die Berlinerin bei einem Online-Englischkurs
eingeschrieben. „Im Web bestimme ich mein Lerntempo selbst, lerne wo
und wann es mir passt. Auch unterwegs auf Dienstreise oder in der
Arbeitspause“, schwärmt die 35-Jährige von den Vorzügen des E-Learning.
Neuen
Lernstoff findet sie online oder in ihrem E-Mail-Fach. „Ich kann mit
Lehrern chatten, Übungen beliebig wiederholen, Sprachbeispiele
anhören“, erzählt Susanne Kühn. Die Versicherungskauffrau gehört zur
steigenden Zahl von Arbeitnehmern, die sich ständig fortbilden und
dabei flexibel sein müssen: „Ich brauche Sprachkenntnisse, um in meinem
Job weiterzukommen. Aber für einen Kurs mit festen Terminen bin ich
viel zu oft unterwegs“, sagt Kühn.
Akzeptanz steigt
Im
vergangenen Jahr erweiterten in Deutschland mehr als 245 000
Menschen ihr Wissen in Fernlehrgängen, berichtet der Fachverband für
Fernlernen und Lernmedien Forum DistancE-Learning. Rund 218 000
zahlten die Kosten für die nebenberufliche Weiterbildung wie Susanne
Kühn aus der eigenen Tasche. Das flexible E-Learning gewinnt dabei
immer mehr Anhänger, so dass rund 80 Prozent der 334 deutschen
Fernlehrinstitute ihre Lehrgänge inzwischen mit elektronischen
Lektionen anreichern. Solcher Mix von Online-Lernen und herkömmlichem
Unterricht heißt „Blended Learning“.
Doch auch die Zahl der
Angebote, die ganz auf feste Termine im realen Seminarraum verzichten,
stieg in den letzten Jahren stark: Während das Forum DistancE-Learning
im September dieses Jahres 642 staatlich zugelassene E-Learning-Kurse
vom Sprach- bis zum Wirtschaftslehrgang in Deutschland zählte, waren es
im Jahr 2000 gerade einmal 50 Angebote.
E-Learning beweist Durchhaltewillen
Unternehmen
wie Netzwerkspezialist Cisco Systems, die Deutsche Telekom oder die
Deutsche Bahn setzen auf Qualifizierung durch E-Learning und Unterricht
per Web-Konferenz. Oft sehen es auch Personalentscheider gern, wenn der
Lebenslauf Erfahrungen beim Lernen auf Distanz verzeichnet. Denn neben
den dabei erworbenen fachlichen Qualifikationen zählen auch die „Soft
Skills“ wie Selbstorganisation, Flexibilität, Durchhaltewillen und
Ehrgeiz, die erfolgreiche „Fern-Lerner“ bewiesen haben.
Angst
vor Technik plagt sie ebenfalls nicht: „Wer sich per E-Learning
weiterbildet, sollte keine Scheu haben, auch nach der Arbeitszeit den
Computer einzuschalten“, meint Oliver Bendel, Leiter des Zentrums für
Innovation, Medien und Technologien der Pädagogischen Hochschule
Weingarten. Und E-Lerner beherrschen die Kommunikation per E-Mail, Chat
und in Online-Foren.
Strenge Regeln
Wer für
E-Learning Geld verlangt und Lernprüfungen abhält, braucht eine
staatliche Zulassung. „E-Learning ist oft nichts anderes als
Fernunterricht im Sinne des Verbraucherschutzgesetzes unter Nutzung der
neuen Medien“, betont Martin Kurz, Präsident des Forums
DistancE-Learning, „Interessenten sollten deshalb bei ihrer Wahl darauf
achten, dass ihr Online-Kurs eine entsprechende Zertifizierung
aufweist.“ Die Staatliche Zentralstelle für Fernunterricht (ZFU) prüft
und begutachtet Fernlernangebote. Die ZFU nimmt unter anderem die
Qualität der pädagogischen Betreuung unter die Lupe, prüft die Verträge
und untersucht, ob das Lehrgangsziel auch erreichbar ist.
Mehr als Text
„E-Learning
ist mehr als digitalisierte Bücher. Der Mehrwert beginnt mit
Multimedia-Einheiten, Simulationen, Online-Wissenstests. Wichtig ist
die fachliche Betreuung durch die Trainer in virtuellen Klassenräumen.
In Foren und Weblogs sollten Moderatoren Fragen beantworten, die
Diskussionen steuern und auch das Niveau überwachen“, betont Oliver
Bendel vom Zentrum für Innovation, Medien und Technologien der PH
Weingarten. Denn seit zwei Jahren nutzen immer mehr E-Learning-Angebote
„Social Software“ wie Weblogs. Doch wenn diese sich selbst überlassen
werden, sinkt das Niveau der Beiträge genauso schnell wie die
Motivation der Teilnehmer. Deshalb sollten Dozenten entsprechende
Qualifikationen vorweisen, am besten Leute aus der Praxis sein.
Persönliche Betreuung ist wichtig
Auf
jeden Fall ist auch beim E-Learning persönliche Betreuung wichtig, denn
wer bei Problemen keine Antwort bekommt, ist schnell frustriert.
„Lieber etwas tiefer in die Tasche greifen, aber dafür gute persönliche
Unterstützung per E-Mail, in Foren, Chats und Web-Konferenzen bekommen.
Diese Zusage sollte man sich auch schriftlich geben lassen“, rät
Wirtschaftsinformatiker Bendel.
Wie verändert E-Learning die
Lernkultur? Welche Lehr- und Lernformen über das Internet sind
erfolgreich? Vom 30. November bis 2. Dezember diskutieren Unternehmer,
Bildungsexperten und Politiker auf der internationalen
Bildungskonferenz Online Educa in Berlin über die Zukunft des Lernens.
Quelle: Focus

