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Ausbeutung - Praktikanten proben den Aufstand
 
Geschrieben von sylvie am Sonntag, 27. November 2005

Verbraucherinformationen

Die „Generation Praktikum“ organisiert sich und beginnt, ihre Rechte einzuklagen.


Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) berät derzeit etwa 20
Praktikanten, die ihre ehemaligen Arbeitgeber auf nachträgliche
Lohnzahlungen verklagen wollen. Tina Richter hat dies bereits
erfolgreich getan. Die 27-Jährige gründete zudem vor einem Jahr den
Verein „Fairwork“ als Interessenvertretung für Praktikanten, der
inzwischen auf 150 Mitglieder angewachsen ist. In Frankreich gehen die
Praktikanten noch weiter und haben zum Streik aufgerufen.

Mindeststandards gefordert

Praktika
für Hochschulabsolventen, die in den Anzeigen teilweise gezielt gesucht
werden, stehen im Zentrum der Kritik von DGB und „Fairwork“. Sie
fordern daher vor allem in diesem Bereich einen Mindestlohn und die
Begrenzung der Praktikumsdauer auf drei Monate. Eine Möglichkeit sieht
Richter auch in der Festlegung und Kontrolle gesetzlicher
Mindeststandards.

„Es wäre schön, wenn es zu einer Klagewelle
kommt", sagt Richter, die inzwischen regelmäßig Anfragen zu
Klagemöglichkeiten bekommt. 20 Klagewillige werden nun vom DGB
rechtlich beraten, der sich mit dem Projekt „Students at Work“ der
Probleme der Praktikanten angenommen hat. „Die Leute, die zu uns
kommen, sind richtig verzweifelt", sagt Projektleiterin Jessica Heyser,
„denn eigentlich haben sie ja alles richtig gemacht“. Studium in der
Regelstudienzeit abgeschlossen, Auslandsaufenthalte und
Arbeitserfahrung durch Praktika, ­doch die einzigen Stellen, die vielen
hoch qualifizierten Nachwuchskräften angeboten werden, sind wiederum
Praktika.

Hohe Anforderungen bei null Gehalt

Die
Dauer und das Niveau der Tätigkeiten steigt, trotzdem ist ein großer
Teil der Praktika unbezahlt. „Viele Hochschulabsolventen werden als
kostenlose Praktikanten ausgebeutet und verdrängen reguläre
Arbeitskräfte", so Richter. Nach einem Urteil des Arbeitsgerichts
Berlin steht bei einem Praktikantenverhältnis jedoch der
Ausbildungszweck im Vordergrund.

Alle Branchen betroffen

Genaue
Angaben über die Zahl der Praktikumsplätze in Deutschland gibt es
nicht. Allein das Internetportal „Praktika.de“ bietet derzeit mehr als
12 000 Stellen an. Verschiedene Untersuchungen haben ergeben, dass
Studenten im Durchschnitt zwei bis drei Praktika absolvieren. Bei fast
zwei Millionen Studenten lässt sich die Dimension erahnen.

Der
DGB erarbeitet momentan mit der Hans-Böckler-Stiftung eine Studie zu
dem Problem. Die ersten Zwischenergebnisse zeigen, dass die Situation
alle Branchen erfasst hat. „Wir haben viele Juristen, Architekten,
Betriebswirte und, was uns überrascht hat, sogar Ingenieure", berichtet
Heyser vom DGB.

Fünf bis zehn Praktika keine Seltenheit

Es
entwickeln sich Praktikantenkarrieren und fünf bis zehn solcher Stellen
im Lebenslauf sind keine Seltenheit mehr. Doch Experten warnen davor,
zu viele Praktika zu absolvieren. „Die Personalchefs werden da
irgendwann skeptisch", sagt die Autorin des Buches „PraktikumsKnigge",
Nadine Nöhmaier. Vor allem nach dem Hochschulabschluss rät sie dazu,
sich lieber anders weiterzuqualifizieren und beispielsweise eine Zeit
ins Ausland zu gehen.


Quelle: Focus




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