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DREIKAMPF ÜBER DSL
 
Geschrieben von sylvie am Mittwoch, 23. November 2005

Verbraucherinformationen

Surfen, Quatschen, Glotzen

Microsoft
und Internetprovider trommeln mächtig für Triple Play - das
ultraschnelle DSL mit IP-Telefonie und IP-Fernsehen. Vor allem die
TV-Übertragung gilt als technisch ambitioniert. Echte Vorteile für den
Zuschauer sind kaum erkennbar - im Gegenteil.


Was tun, wenn der Absatz zu lahmen droht?
Marketing-Fachleute haben dafür eine einfache und logische Antwort:
neue Produkte entwickeln. Genau das tun derzeit DSL-Provider weltweit.
Ihre treuesten Kunden der ersten Stunde surfen schon seit Jahren mit
Highspeed durchs Netz und profitieren mittlerweile vom Preisverfall der
Breitbandzugänge.

Zwar verkaufen die
Provider ihre DSL-Anschlüsse nach wie vor wie warme Semmeln - aber
irgendwann ist der Markt gesättigt. Immer schnelleres DSL mit
Datenraten von 5, 15 oder gar 50 MBit/s ist für die meisten Anwender
kaum notwendig. Einzig beim Herunterladen von Filmen spürt man den
deutlichen Geschwindigkeitssprung. Genau hier wittern die
Internetprovider deshalb Chancen, noch schnellere und entsprechend
teurere DSL-Zugänge an den Mann zu bringen.

Triple Play heißt
die Strategie in der Sprache der Manager. Der DSL-Anschluss soll nicht
nur Internet, sondern auch IP-Telefonie und IP-Fernsehen bieten. Den
Löwenanteil der Bandbreite beansprucht IPTV - fürs Surfen und
Telefonieren sollen kleinere Teile der Bandbreite fest reserviert sein,
so dass alle drei Dienste auch parallel funktionieren.

T-Online
hat bereits erste Feldtests absolviert und befindet sich laut
Firmensprecher Martin Frommhold "in Sondierungsgesprächen mit
verschiedenen TV-Sendern". Swisscom will im nächsten Jahr starten; in
Belgien und Hongkong ist IPTV bereits Realität.

Schön ausgedacht, das Ganze, aber werden es die Kunden auch wollen? Und brauchen sie es überhaupt?

Ja,
sagt der Liebhaber amerikanischer Serien, der diese am liebsten im
Original schaut, Monate bevor sie mehr schlecht als recht
synchronisiert im deutschen Fernsehen laufen. Ja, sagt der
Hardcore-Gamer, der endlich mal in einen 24-Stunden-Spiele-Kanal aus
Südkorea reinzappen will.

Oh ja, das will ich haben!

Das
sind verständliche Wünsche, sagen die Rechteinhaber aus Hollywood. Aber
zumindest wenn es um unsere Produktionen geht, passen derartige
Begehren nicht in die althergebrachte Verwertungskette, in der jedes
Land einzeln abgearbeitet wird. Auch die ProSieben-Manager wären kaum
davon angetan, wenn die neuen Folgen von "Desperate Housewifes" nicht
zuerst auf ihrem Sender, sondern in einem Kanal von T-Online oder AOL
laufen würden.

Wer glaubt, IPTV bedeute, dass man mit einem
Highspeed-Zugang, egal wo man auf der Welt wohnt, problemlos Sender wie
HBO, BBC oder ARD sehen kann, täuscht sich. IPTV ist weniger ein
Internetfernsehen für das globale Netz, es ist vielmehr ein
Providerfernsehen, das nur die Kunden eines bestimmten Anbieters, etwa
T-Online, British Telecom oder Swiss Telecom, sehen können. Die
Sendungen sind nur innerhalb des Providernetzes abrufbar - eine
Verbindung nach draußen ins globale Internet ist nicht vorgesehen.

Letztlich
stellt IPTV nur einen neuen Übertragungsweg für Fernsehsignale dar -
zusätzlich zu Kabel, Satellit und Antenne. Hier wie da benötigt der
Kunde eine Settop-Box, in die entweder ein Antennenkabel oder eben das
Netzwerkkabel gesteckt wird, das über den Router die Verbindung ins
Internet sicherstellt.

Direkt am Computer wird man das
Fernsehprogramm nicht sehen können, obwohl das ja eigentlich nahe
liegt. Das erklärten Microsoft, Swisscom und T-Online unisono auf
Anfrage von SPIEGEL ONLINE.

Vorspulen verboten

Der
Grund ist offensichtlich: Nur eine geschlossene Settop-Box mit
zertifizierter Hardware scheint den Anbietern ausreichend Schutz vor
Raubkopien zu bieten. Bei Microsoft, wo man ein eigenes IPTV-Konzept
namens Microsoft TV entwickelt hat, spricht man von einer "sicheren und
geschützten Auslieferung der Programme an den Zuschauer".

Im
Klartext: Die gestreamten Videodateien werden mit Digitalem
Rechtemanagement (DRM) geschützt sein. Mögliche Folgen: Der Zuschauer
darf eine Sendung nur dann aufnehmen, wenn es per DRM nicht verboten
ist. Gleiches gilt für Time-Shifting - das zeitversetzte Ansehen eines
Films - und damit auch für das Überspringen von Werbepausen.

An
einer Aufnahmefunktion haben TV-Sender ohnehin wenig Interesse, denn
sie finanzieren sich über Werbung, die sich mit digitalen
Videorecordern leicht ausblenden lässt. Zumindest Swisscom will seine
Settop-Boxen trotzdem mit Festplatten ausstatten, um Time-Shifting und
das Mitschneiden von Sendungen zu ermöglichen. Ob der Record-Button
tatsächlich wie gewollt funktioniert, werden die Schweizer Zuschauer ab
2006 sehen.

Prinzipiell könnte IPTV für den Zuschauer eine
Menge Vorteile bringen. Doch was technisch möglich ist, siehe
Time-Shifting, muss noch lange nicht erlaubt werden. So auch das
Loslösen vom festen Fernsehprogramm. Statt punkt 20.15 Uhr vor der
Glotze zu sitzen, wäre es mit IPTV auch möglich, den Filmstream dann
abzurufen, wenn man Lust dazu hat - zum Beispiel 21.00 Uhr oder am
nächsten Vormittag.

IPTV-Start mit hundert Kanälen

T-Online-Sprecher
Frommhold bezeichnete diesen nachträglichen Streamabruf sogar als
"einen der Attraktoren und hauptsächliche Kernfunktion bei IPTV". Nur
werden es die Provider schwer haben, diese Kernfunktion tatsächlich
anzubieten. Die Fernsehsender besitzen nämlich meist nur die Rechte zur
Live-Ausstrahlung von Filmen - ein späterer Abruf fällt nicht darunter.
So steht bereits jetzt fest, dass Swisscom die Programme seines
geplanten IPTV-Angebots ausschließlich live streamen wird.

Der
Schweizer Provider will im Testbetrieb für eigene Mitarbeiter zunächst
mit rund hundert Kanälen starten. Es könnten später auch deutlich mehr
werden, sagte Michael Zumsteg, Gesamtprojektleiter IPTV bei Swisscom.
"Theoretisch gibt es keine Obergrenze. Die Frage ist, ob sich das
lohnt."

Beim Zappen werden die Kunden sich in Geduld üben
müssen. Bei PCCW, dem IPTV-Anbieter aus Hongkong mit einigen
hunderttausend Kunden, dauert das Umschalten von Kanal zu Kanal
zwischen einer und zwei Sekunden. Kein Wunder, schließlich muss sich
die Box in einen anderen Videostream einklinken. Mit technischen
Rafinessen, etwa durch das parallele Abgreifen mehrerer Streams, soll
die Umschaltzeit verringert werden. Microsoft verweist auf ein eigenes
Patent, das angeblich sofortiges Umschalten ermöglicht.

Zu den
Tücken der IPTV-Technik gehört auch die nötige Pufferung der
Videostreams, um bei kurzzeitigen Bandbreitenengpässen nicht gleich
eine Sendeunterbrechung zu riskieren. Die Settop-Box wird das Programm
zumindest um Sekundenbruchteile verzögert wiedergeben. Fällt bei einem
live übertragen Fußballspiel ein Tor, dann wird man künftig wohl
dreifach Jubel vernehmen: Erst schreien die Kabelkunden Tor, dann die
Satellitenschüsselbesitzer - und möglicherweise als Letzte die
IPTV-Kunden.


Quelle: Spiegel




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