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Männer sind Meister im Verdrängen und der
 
Geschrieben von sylvie am Samstag, 19. November 2005

Was man dringend mal lesen sollte Die sexuelle Revolution hat vor der Prostata anscheinend halt gemacht. Nur die wenigsten Männer gehen etwa zur Krebsvorsorge.

Starke Schwächen

Geht es
um Gesundheit, liefert das starke Geschlecht eine ziemlich schwache
Vorstellung. Nur die wenigsten Männer gehen etwa zur Krebsvorsorge.
Jetzt greifen Aufklärer zu kuriosen Mitteln

So etwas
sieht man wirklich nicht alle Tage: Ein Trupp Weißkittel richtet in
schweißtreibender Arbeit ein elf Meter hohes, viereinhalb Tonnen
schweres, verhülltes Monument auf, das pfeilgerade in den Himmel ragt.
Mit einem zufriedenen Seufzen ziehen sie das Tuch weg und offenbaren:
einen Obelisken, genauer gesagt einen Urolisken - ein steinernes
Sinnbild männlicher Zeugungskraft. Und das mitten auf dem Stadtplatz in
München. Was wie ein pubertärer Spaß wirkt, ist in Wirklichkeit eine
gemeinsame Anstrengung von Urologen aus ganz Deutschland. Sie wollen
Aufmerksamkeit erregen und die Wahrnehmung schärfen für das am meisten
unterschätzte Organ des Mannes: die Prostata. Angesprochen sind alle
Männer, die von ihrer Vorsteherdrüse lieber nichts wissen wollen. Und
das, obwohl das Prostatakarzinom inzwischen der häufigste Krebs beim
Mann ist. Jedes Jahr erkranken daran in Deutschland 40.000 Männer,
12.000 davon überleben nicht.

Schwäche in Stein gehauen

Doch informieren nutzt nichts, alles Mahnen bringt nichts,
befanden die Urologen, und dachten sich was anderes aus. Das Aufstellen
des Urolisken ist ein Event, das Ungetüm selbst ist ein Symbol -
weniger für die Stärke der Mannsbilder, als ein Wink mit dem Zaunpfahl
gegen die männliche Ignoranz. Der Erschaffer des Kunstwerks, Dr. Hans
Geissler, erklärt: "Weder handelt es sich um ein medizinisches Modell,
noch lässt sich an ihm irgendetwas Informatives über Krebsvorsorge
finden. Es sei denn... - man vollzieht einen Perspektivenwechsel: von
der Medizin zur Kunst." Der steinerne Koloss reist durch ganz
Deutschland und Ärzte, Patienten und Selbsthilfegruppen können sich auf
der Außenhaut schriftlich verewigen.

Männerköpfe soll das
gedanklich in Schwung bringen. Während nämlich 60 Prozent aller Frauen
regelmäßig zur Krebsvorsorge gehen, sind es bei den Männern gerade mal
15 Prozent. Das hat verschiedene Gründe: "Der Mann will am liebsten
alle Probleme für sich lösen, Schwäche zeigen ist verpönt", erklärt der
Urologe Dr. Axel-Jürg Potempa. Es herrsche die allgemeine Ansicht:
"Männer werden nicht krank."

Meister im Verdrängen

Tatsächlich
lässt das Gesundheitsbewusstsein von Männern arg zu wünschen übrig. Sie
legen weniger Wert auf gesunde Ernährung, finden Gesundheitsthemen
nicht sonderlich interessant und über ihre eigenen Probleme reden sie
am liebsten gar nicht. Dies Haltung spiegelt auch der
Zeitschriftenmarkt wieder. Es gibt Dutzende von Gesundheitsmagazinen
für Frauen, aber nur vereinzelt welche für die Männer. Medizinische
Artikel (wie dieser) können zwar durchaus ihr Interesse erwecken
(hoffentlich), aber direkt angesprochen fühlt "Mann" sich jedoch nur im
seltensten Fall. Kurz gesagt: Männer sind Meister im Verdrängen.

Vor
allem bei den Ärzten, die in der Krebsvorsorge tätig sind, macht sich
Frustration breit. "Die Untersuchung der Prostata senkt erwiesenermaßen
die Sterblichkeit, aber sie wird einfach zu wenig genutzt", klagt Prof.
Christian Stief, Urologe am Universitätsklinikum München (LMU). Dabei
kann Vorsorge durchaus was bringen, wie das Beispiel
Herz-Kreislauf-Erkrankungen zeigt. "Hier konnten wir die Todesfälle um
50 Prozent reduzieren", sagt Stief. Bei den Krebserkrankungen - also
auch dem Prostatakrebs - sei das noch nicht gelungen.

Blut-Check statt Finger

Dabei
könnte die Vorsorge heute kaum einfacher sein. Die berüchtigte
Untersuchung mit dem Finger ist weitgehend dem PSA-Test gewichen. Hier
wird das so genannte Prostata-spezifische-Antigen (PSA) im Blut
nachgewiesen - ein Eiweißstoff, den die Vorsteherdrüse des Mannes
produziert. Mittlerweile führt dies jedes größere Labor durch. Doch man
müsse an einem viel früheren Punkt ansetzen, glaubt Stief: "Die meisten
Männer wissen nicht einmal, wofür ihre Prostata gut ist."
Beispielsweise liefert sie den größten Anteil am Volumen der
Samenflüssigkeit. Ihr Sekret fungiert dabei als Nährlösung für
Samenzellen und enthält alles, was sie auf dem beschwerlichen Weg zur
Eizelle brauchen.

"Penis ist eine Wünschelrute"

Über
so was redet man nicht. Die sexuelle Revolution hat vor der Prostata
halt gemacht, so scheint es. Einige Tabus haben sich erstaunlich gut in
der heute betont freizügigen und sexualisierten Gesellschaft gehalten.
Die Prostata ist eines davon, die Erektionsstörung ein anderes. Von
psychischen Ursachen einmal abgesehen ist sie ein früher und
zuverlässiger Hinweis auf Erkrankungen von Herz, Kreislauf und Gefäßen.
Potempa sagt: "Der Penis ist eine Wünschelrute!" Doch nur den
allerwenigsten Männern fällt ein, wegen ihres lahmenden besten Stücks
einen Arzt aufzusuchen. "Oft sind es erst die Frauen, die ihre Männer
dann zu uns schicken", weiß der Urologe. Frei nach dem Slogan in der
Werbung: "In Sachen Gesundheit sind wir Frauen die Experten." Mediziner
bekommen so erst viel zu spät Hinweise auf mögliche Gefäßerkrankungen.

Order vom Chef

Das
erkennen langsam auch diejenigen, denen Gesundheit und lange
Leistungsfähigkeit besonders am Herzen liegt, die Arbeitgeber. Die
Firma Siemens hat eigenen Aussagen zufolge nicht nur die Kantinen-Küche
auf "gesund" umgestellt, sie schickt ihre Angestellten auch regelmäßig
zum PSA-Test. Ob Siemens-Mitarbeiter im Durchschnitt länger leben, ist
nicht bekannt. Man kann aber zusammenfassen: Solange Männer mit
niemandem über diese Dinge reden, helfen nur Phallus-Symbole oder die
Order vom Chef.

Witzeln statt Warnen

Jeder
Zugang zur männlichen Einsicht ist erfolgversprechender als die Drohung
mit dem Damoklesschwert. Humor zum Beispiel. Oder weibliche
Anziehungskraft. Man will es kaum glauben, aber Männer neigen dazu,
sich Ärztinnen anzuvertrauen. "Wir brauchen mehr junge Urologinnen",
fordert deshalb Potempa. Andere glauben, dass Singen was bringt .... so
machte es jedenfalls die Urologen-Band am Münchner Odeonsplatz.

Hinweis:
Die Informationen dürfen auf keinen Fall als Ersatz für professionelle
Beratung oder Behandlung durch ausgebildete und anerkannte Ärzte
angesehen werden. Der Inhalt von NetDoktor.de kann und darf nicht
verwendet werden, um eigenständig Diagnosen zu stellen oder
Behandlungen anzufangen.


Quelle: Netdoktor




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