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Die Erziehungskatastrophe. Kinder brauchen starke Eltern
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Rollentausch - Zahlen für den Mann |
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| Geschrieben von sylvie am Mittwoch, 16. November 2005 |


Sie arbeitet, er bleibt zu Hause, sie verdient, er wird mitfinanziert: In Deutschland gilt das schon für anderthalb Millionen Paare. Aber nicht immer geht der Rollentausch ohne Probleme ab.
Davon haben Frauen immer bloß geträumt: Nach einem schier endlosen Arbeitstag schließen sie die Haustür auf, und der Duft ihres Lieblingsgerichts weht ihnen in die Nase. Der Mann hat die Kinder schon zu Bett gebracht, die Wohnung blitzblank geschrubbt, den Wein perfekt temperiert und liebevoll den Esstisch gedeckt. Jetzt müssen sie sich nur noch zurücklehnen und den Feierabend genießen. Sabines Alltag kommt diesem Traum schon recht nahe. Während die 38-Jährige als Einkäuferin bei einem Textilunternehmen für das Geld auf dem Familienkonto sorgt, managt ihr Mann Jörg den Haushalt und die drei Kinder. Freiwillig ist dieser Rollentausch allerdings nicht vonstatten gegangen: Vor zwei Jahren wurde der Marketingleiter arbeitslos. 100000 Euro Jahreseinkommen einfach futsch. Damals war gerade das dritte Kind geboren, Sabine in Elternzeit, ein Haus gekauft, der Schock entsprechend groß. Seitdem sucht der 40-Jährige eine neue Stelle, bisher jedoch erfolglos. „Als unsere Rücklagen knapper wurden, habe ich zu ihm gesagt: Wenn du sowieso den ganzen Tag zu Hause bist, kann doch ich wieder arbeiten, und du kümmerst dich um Kinder und Haushalt. Zumindest so lange, bis du wieder einen Job gefunden hast“, erzählt Sabine. Und so wurden die beiden eines von den rund anderthalb Millionen Paaren in Deutschland, die in den Statistiken unter „Ehefrau erwerbstätig, Ehemann erwerbslos“ geführt werden. Das klappt nicht immer ohne Probleme, gibt Sabine zu: „Mein Mann ist mit der Hausarbeit alles andere als glücklich, geschweige denn gefordert. Am Anfang, als er noch dachte, das sei nur vorübergehend, hat er sich richtig reingehängt. Jetzt, da immer noch kein Ende in Sicht ist, wird er aus Frust nachlässiger.“ Echter Mann oder Versager? Wenn ein Mann seinen Dienstwagen gegen die verbeulte Familienkutsche und seine Maßanzüge gegen eine Küchenschürze tauschen muss, sind Enttäuschungen meistens programmiert, weiß auch der Berliner Männerforscher und Autor („Geschlechterdemokratie“) Walter Hollstein: „Das liegt an unseren traditionellen Rollenbildern und Verhaltenserwartungen. Ein Mann, der nicht in der Lage ist, die Seinen komfortabel leben zu lassen, gilt in unserer Gesellschaft immer noch als Versager. An den Forderungen gemessen, die er an sich selbst stellt, fühlt er sich erfolglos, gescheitert und unmännlich.“ Grundsatzdebatte - Mann als Versorger? Sie arbeitet, er bleibt zu Hause, sie verdient, er wird mitfinanziert: Mittlerweile kommt dieser Rollentausch so häufig vor, dass er schon längst nicht mehr als besonders außergewöhnlich gelten dürfte. Aus einer aktuellen Studie des Statistischen Bundesamtes geht hervor, dass es bei 17 Prozent der kinderlosen Paare die Frauen sind, die das meiste Geld nach Hause bringen. Und selbst bei 10,5 Prozent der Paare mit Kindern verdient sie, nicht er die Miete und die Brötchen. Walter Hollstein rechnet damit, dass in Zukunft noch viel mehr Männer die Ernährerrolle an ihre Frauen abtreten müssen: „Die Gründe dafür sind die Verknappung von Arbeit und die Emanzipation der Frauen. Frauen sind heute meistens besser ausgebildet als Männer und wollen ihre Kompetenzen auch beruflich umsetzen.“ Das belegen auch die Arbeitsmarkt-statistiken: In den vergangenen Jahren hat der Anteil der erwerbstätigen Frauen stetig zugenommen. Mittlerweile sind 45 Prozent aller Erwerbstätigen weiblich. Tendenz: weiter steigend. |  |
 | | Fallbeispiel: Anke und Beo |  |  | Diese Entwicklung verändert nicht nur die Arbeitswelt, sondern stellt auch die emotionalen Grundlagen von Liebesbeziehungen auf eine harte Probe – wie es der Fall der Synchronsprecherin und Schauspielerin Anke belegt. Als ihr Lebensgefährte Beo nach 14 Jahren seinen Job als Werber hinschmiss, um sich im Leben neu zu orientieren, entbrannten mitunter recht erbittert geführte Grundsatzdebatten. Anke: „Ich hatte ein Problem mit seiner Einstellung, dass viel Geld zwar schön, aber eben nicht notwendig für ein schönes Leben ist. Ich wurde im Glauben daran erzogen, dass der Mann der Versorger ist und die Frau nicht für alles selbst aufkommen muss.“ Nun aber musste Anke mühsam lernen, ihrem Partner eine neue Rolle zuzugestehen – ironischerweise genau jene, die von der Tradition für Frauen vorgesehen ist: die Hausarbeit zu erledigen und darüber hinaus an der eigenen Persönlichkeit und Selbstverwirklichung zu feilen. Zum gemeinsamen Einkommen kann Neo-Hausmann Beo kaum noch beitragen – gerade mal 300 Euro im Monat, Mieteinnahmen aus einer noch nicht abbezahlten Eigentumswohnung. Das ist deutlich zu wenig, um Anke öfter mal richtig schick zum Essen auszuführen oder sie in den Südafrikaurlaub zu begleiten. Doch statt ihn mitzunehmen, fliegt sie eben allein, und hin und wieder verabredet sie sich mit ihrem Ex, um sich von ihm ins Restaurant einladen zu lassen. Ihre Devise: „Den Alltag finanziere ich ihm gern, den Luxus aber nicht. Schließlich bin ich nicht Mutter Teresa.“ Was Anke wohl im umgekehrten Fall dächte – falls er sie in den Ferien einfach zu Hause oder sich von seiner Ex ausführen ließe? Hausmann - Gesellschaftlich akzeptiert? Noch scheinen also nicht nur die Männer, sondern auch die Frauen gewaltige Probleme damit zu haben, die Neuverteilung ihrer Rollen gelassen und pragmatisch hinzunehmen oder in ihr sogar eine Chance zu erkennen. Auch Soziologe Hollstein weist auf die psychologischen Tretminen hin, mit denen Paare rechnen müssen, die ihre Zuständigkeiten neu festlegen: „Wenn ein Mann tatsächlich bereit ist, Haus- und Erziehungsarbeit zu übernehmen, nimmt ihn die Frau nicht selten als Weichei wahr. Der erfolgreiche Mann ist für viele Frauen immer noch attraktiver und erotischer.“ Nur wenige Paare meistern den Rollentausch. |  |
 | | Fallbeispiel: Britta und Paul |  |  | Paul und Britta zum Beispiel. Seit er vor zweieinhalb Jahren seine Stelle als Maurer verloren hat, lebt er ganz vom Einkommen seiner Frau. Unmännlich hat er sich deswegen nie gefühlt: „Ich finde, es ist eine positive Entwicklung, dass Frauen mehr als ihre Männer verdienen können und diese dafür eben auch mal zu Hause bleiben. Das sollte im Zuge der Emanzipation doch ganz normal sein.“ Sein gelegentlicher Frust rührt eher daher, dass er lieber eben doch arbeiten würde, statt seiner Frau jeden Abend ein tolles Essen zu kochen. Aber bei über fünf Millionen Arbeitslosen sind Jobs nun mal rar. „Dafür verbringe ich einen Teil meines Tages nun mit Dingen, die mich weiterbringen, für die ich aber vorher nie Zeit hatte.“ Schwierigkeiten haben sie allerdings damit, dass ihre Bekannten nicht allzu viel Verständnis für Pauls Lage aufbringen: „Die meisten fragen mich, was ich den ganzen Tag mache und wie ich das bloß aushalte. Aber was ich mache, ist für mich Arbeit. Immerhin kümmere ich mich ja um den ganzen Haushalt.“ |  |
 | | Fallbeispiel: Jörg |  |  | Und auch Jörg, der Ex-Marketingleiter und Neu-Hausmann, berichtet von der Skepsis, die ihm in seinem Freundeskreis entgegenschlägt: „Ich habe immer wieder das Gefühl, mich rechtfertigen zu müssen. Was ich den ganzen Tag mache, warum ich etwas mache. Zum Beispiel, warum ich für unser Haus neue Rollläden kaufe, obwohl ich doch gar kein eigenes Geld verdiene." Rollenwechsel - Die große Chance für Beide Dabei könnten wir uns die Sache doch auch einfacher machen: Wenn wir in Zukunft ohnehin vom Arbeitsmarkt dazu gezwungen werden, unsere Lebensplanungen immer wieder neu zu überdenken, wäre es möglicherweise schlau, auch die Rollenverteilungen zwischen Frauen und Männern nicht als ein für allemal festgelegt zu behandeln. Nichts spricht dagegen, dass zwei Menschen, die sich aus Liebe zusammengetan haben, öfter als einmal aushandeln, wer was macht, wer wofür zuständig ist, wer sich worum kümmert. Sie kann eine Zeitlang als Kriegerin an die Karrierefront ziehen, dann wieder Gärtnerin auf dem eigenen Balkon sein; er dürfte, statt ein ganzes Leben in Büros absitzen zu müssen, die Kinder hegen und pflegen oder sich ein paar Jahre lang um das Sozialleben der Beziehung kümmern. Frauen könnten lernen, wie viel Spaß es machen kann, ihren Liebsten hübsche Klamotten zu spendieren, und Männer würden endlich begreifen, wie anspruchsvoll Haushalts- und Beziehungsmanagement sind. Wir könnten so viel mehr sein als die Rollen, in denen wir uns selbst so häufig verkapseln. Es liegt bloß an uns, die Chance zu ergreifen. Quelle: AMICA |
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