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Hilfe für die Seele
 
Geschrieben von Oceanseve72 am Mittwoch, 10. August 2005

Tipps aus dem mentalen Keller zu kommen

Seit der Trennung von ihrem Freund verlässt Anja das Haus nur noch, wenn es unbedingt sein muss. Sie besucht die Vorlesungen an der Universität nicht mehr, den Kontakt zu Freunden und Bekannten hat sie abgebrochen. Jeder Einkauf kostet Überwindung, vor einem Besuch in der Bibliothek fürchtet sie sich wie vor einer Prüfung.
Die Angst überkommt sie immer wieder ganz plötzlich: Herzrasen, Schwindel und das Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen.
Als Anja einen Brief von ihrem Professor erhält, warum sie nicht mehr ins Seminar komme, steht ihr Entschluss fest: Sie braucht einen Psychotherapeuten. Ein paar Straßen weiter ist eine Praxis, dort wird sie anrufen. Einige Stunden sitzt sie wie gelähmt vor dem Telefon, dann wählt sie die Nummer, ihr Herz klopft wie wahnsinnig, während es klingelt. Eine freundliche Anrufbeantworterstimme springt an - in den nächsten Monaten sei die Therapeutin vollkommen ausgebucht. Aus dem Telefonbuch sucht Anja die Nummer eines anderen Therapeuten heraus und erreicht ihn persönlich - aber wieder kein Termin in den nächsten Wochen. Anja kann nicht warten, sie braucht Hilfe, sofort.

So wie Anja ergeht es vielen Betroffenen, die einen Therapeuten suchen. Wer eine Empfehlung aus dem Bekanntenkreis hat, wird häufig enttäuscht.
Denn es ist schwierig, überhaupt einen Termin bei einem Psychotherapeuten zu bekommen. Die Versorgung ist bei weitem nicht flächendeckend. In vielen Städten ist das Angebot besser, denn dort sitzen die Weiterbildungsinstitute für Psychotherapeuten und Universitäten. Auf dem Land hingegen sieht es meist schlechter aus, insbesondere in Ostdeutschland gibt es viel zu wenig Therapeuten. Gerade Therapeuten mit Kassenzulassung haben oft monatelange Wartezeiten.
Kinder- und Jugendtherapeuten sind in ganz Deutschland rar. Angesichts der wachsenden Zahl an Menschen mit psychischen Problemen wird sich die Situation wohl eher verschärfen. "In den nächsten Jahren wird es sicher keinen Zulassungsboom geben. Die Ausbildung ist lang und teuer, die Verdienstmöglichkeiten sind nicht besonders gut", gibt Dr. Frank Roland Dreister vom Verband der Vertragspsychotherapeuten zu Bedenken.

Wer einen Therapeuten sucht, muss deshalb viel Energie mitbringen - keine leichte Aufgabe, wenn so wie bei Anja jeder Griff zum Telefonhörer schon ein Kraftakt ist. Um einen Termin auszumachen, ruft man am besten vor der vollen Stunde an, also zwischen zwei Patiententerminen. Dann steigen die Chancen, jemanden persönlich zu erreichen. Weil die meisten Therapeuten ohne Sprechstundenhilfe arbeiten, hat man sonst oft nur den Anrufbeantworter in der Leitung. Viele Therapeuten sind überlastet, so kann man nicht unbedingt mit einem Rückruf rechnen. Falls der Therapeut eine Telefonsprechzeit anbietet, sollte man versuchen, ihn dann zu erreichen. Am besten Sie erkundigen sich bereits beim ersten Telefonat nach der Wartezeit.

Eine Möglichkeit, einen Therapeuten zu finden, ist wie Anja im Telefonbuch nachzuschlagen. Dabei sollten Sie darauf achten, dass die Praxis nach Möglichkeit in Ihrer Nähe ist, um die Besuche gut in den Alltag integrieren zu können.
Psychologische Psychotherapeuten finden Sie in den gelben Seiten zum Beispiel unter "Psychotherapie" oder "Psychologie", ärztliche Psychotherapeuten unter "Ärzte für psychotherapeutische Medizin" oder "Ärzte für Psychoanalyse und Psychotherapie". Oder aber Sie wenden sich an Ihre Krankenkasse, die Ihnen Adressen von Vertragspsychotherapeuten in Ihrer Nähe geben kann.
Auch die » kassenärztlichen Vereinigungen geben Auskunft.

Anja hat schließlich eine Beratungsstelle für Studenten an der Universität aufgesucht. Dort vermittelte man ihr eine Verhaltenstherapeutin, bei der sie nun eine Therapie beginnt.
Auch andere psychologische Beratungsstellen, zum Beispiel der Caritas oder Diakonie, können eine erste Anlaufsstelle sein. Beratungsführer über diese Angebote bekommt man beim Gesundheitsamt oder der Stadtverwaltung.
Auch die Verbraucherzentralen bieten im Rahmen der Patientenberatung Unterstützung. In einigen Städten gibt es psychotherapeutische Ambulanzen und Institutsambulanzen. Im Notfall helfen die Ambulanzen der Psychiatrien, in einigen Bundesländern der psychiatrische Notfalldienst (über die Notrufleitstellen) und Notruf-Beratungsstellen. Steht jemand in Gefahr, sich selbst oder andere zu gefährden, so sollte in jedem Fall umgehend Hilfe gesucht werden.

Verschiedener Verbände haben in den letzten Jahren im Internet Suchmaschinen eingerichtet, wo Sie gezielt nach Therapeuten in Ihrer Umgebung suchen können.

Welche Therapie ist die richtige für mich?

Bei der Suche nach einem Therapeuten kann es sinnvoll sein, sich im Voraus über die verschiedenen Verfahren zu erkundigen, die von der Krankenkasse übernommen werden: Verhaltenstherapie, die psychoanalytische und die tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie.
Jedes Verfahren hat seine eigene Theorie, wie psychische Störungen entstehen und behandelt werden können. Die Rivalität vergangener Jahre hat sich jedoch zwischen den Schulen gelegt: Den meisten Therapeuten geht es nicht darum, dogmatisch ihre Richtung zu verteidigen, sondern aus dem Angebot das Beste zu ziehen und gegenseitig zu profitieren. Um ihre Therapie auf die Bedürfnisse des Patienten anzupassen, verbinden Therapeuten Elemente der unterschiedlichen Verfahren.

"Wer in der Krise nicht die Kraft hat, sich über die verschiedenen Therapieangebote zu informieren, kann sich normalerweise ganz vertrauensvoll an einen psychologischen oder ärztlichen Psychotherapeuten wenden. Dieser wird prüfen, ob die Methode, die er bietet, dem Patienten weiterhelfen kann und ihn andernfalls an einen Kollegen verweisen", erklärt Dr. Deister vom Verband der Vertragspsychotherapeuten.

Aber wenn man die nötige Energie aufbringt, sollte man sich ruhig informieren und ein paar Punkte für sich klären: "Vor analytischen Psychotherapie kann man sich die Frage stellen, ob man sich mit der Vergangenheit beschäftigen möchte oder sogar meint, es zu müssen.
Oder ob es einem wichtiger ist, dass die Dinge in der Gegenwart einfach nur wieder funktionieren ohne zu wissen, was die Hintergründe und Ursachen der Probleme sein könnten. Dann wäre es ratsam, gleich einen Verhaltenstherapeuten aufzusuchen."
Auch was die Dauer und den Zeitaufwand anbelangt, unterscheiden sich die Therapien. Die Frage, wie und ob sich die Sitzungen mit dem Alltag verbinden lassen, kann deshalb durchaus bei der Entscheidung für einen Therapeuten eine Rolle spielen.

Psychoanalytische Psychotherapie

Das Verfahren basiert auf Sigmund Freuds Psychoanalyse. Die Grundannahme: Ungelöste Konflikte aus der Kindheit liegen den aktuellen psychischen Problemen zugrunde.
Was in der Kindheit verdrängt wurde, prägt unser gesamtes Erleben und Fühlen. Zum Beispiel wird jemand durch eine Trennung vom Partner in eine Krise gestürzt, weil er in der Kindheit durch Trennung traumatisiert wurde. Ziel der Therapie ist es, diese unbewussten Konflikte und Traumata aus der Kindheit aufzuarbeiten, indem sie noch einmal durchlebt werden.
Ein zentraler Begriff ist die Übertragung: Gefühle, die Personen in der Kindheit ausgelöst haben, werden auf den Therapeuten übertragen. Indem sie alte Verhaltensmuster und unbewusste Wünsche in der Beziehung zum Therapeuten widerspiegeln, können sie aufgearbeitet werden.
Der Therapeut lässt dem Patienten deshalb viel Freiraum und hält sich mit seiner Person ganz zurück. Er gibt keine Bewertungen, Hilfestellungen oder Ratschläge.
Während der Therapie liegt man auf der Couch, der Therapeut sitzt hinter einem. Die psychoanalytische Psychotherapie ist die intensivste Therapie mit zwei bis vier Wochenstunden. Sie ist ein langfristiger Prozess und zielt letztlich auf eine grundlegende Veränderung der Persönlichkeit ab. Die gesetzlichen Krankenkassen zahlen bis zu 300 Stunden.

 Tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie

Auch bei dieser Therapie sollen unverarbeitete Konflikte aus der Kindheit hervorgeholt und verarbeitet werden.
Die Vorgehensweise ist dabei eine andere als in der psychoanalytischen Psychotherapie: Sie fokussiert auf einen Kernbereich und hat nicht den ganzen Menschen im Blick. Auch ist das Einlassen auf die Vergangenheit nicht so intensiv, die Therapie ist gegenwartsbezogener.
Tiefenpsychologisch fundiert arbeitende Therapeuten nehmen häufiger Stellung zu dem Gesagten, greifen hin und wieder ein und geben Ratschläge. Patient und Therapeut sitzen sich gegenüber. Dieses Verfahren ist deutlich kürzer: ein bis zwei Sitzungen in der Woche, die Kassen zahlen bis zu 100 Stunden.

Verhaltenstherapie

Nach Auffassung dieser Therapierichtung basiert unser gesamtes Fühlen, Denken und Handeln auf Lernvorgängen und ist deshalb grundsätzlich veränderbar.
Auch psychische Probleme oder Störungen sind im Laufe des Lebens erlernt worden und können durch neue Erfahrungen wieder verlernt werden. Die Verhaltenstherapie ist auf die Zukunft ausgerichtet: Nicht die Ursachen in der Vergangenheit stehen im Vordergrund, sondern die Lösung für die Zukunft.
Im Rahmen der Therapie wird der Betroffene oft den belastenden Situationen bewusst ausgesetzt. Neue Erfahrungen sollen die alten Gewohnheiten ersetzen. Ein wichtiger Bestandteil sind Verhaltensübungen und Hausaufgaben: Zum Beispiel lernt jemand mit extremer Höhenangst, Schritt für Schritt hohe Türme zu besteigen. Jemand der Konflikte meidet, soll sich bewusst diesen Situationen aussetzen und neue Handlungsmöglichkeiten ausprobieren. Die Krankenkassen zahlen bis zu 80 Wochenstunden Verhaltenstherapie.

 Kurzzeittherapie

Verhaltenstherapie und tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie können auch als Kurzzeittherapie wahrgenommen werden, die maximal 25 Stunden dauert.
Sie bietet sich an, wenn es um ein konkretes Problem geht, für das der Betroffene sich eine schnelle Lösung erhofft. Am Ende der Kurzeittherapie kann auch entschieden werden, mit einer Langzeittherapie fort zufahren. Wer unsicher ist, oder Vorbehalte gegenüber einer Therapie hat, kann so herausfinden, ob eine Therapie das Richtige für ihn ist .




Quelle: eltern.de

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