Quelle: eltern.de
In einem offenen Brief schreibt Chefredakteurin Marie-Luise Lewicki der Familienministerin Renate Schmidt, was das Leben mit Kindern in Deutschland schwierig macht.
Sehr geehrte Frau Familienministerin,
alle sprechen von Familienpolitik. Kein Wunder: Deutschland liegt ganz am Ende der weltweiten Geburtenskala. Nur 1,25 Kinder bekommt die deutsche Durchschnittsfrau - 1,9 sind es in Frankreich, 2,1 in den USA. Diese Zahlen kennt jeder Zeitungsleser. Ebenso wie die Tatsache, dass es in den alten Bundesländern nur für drei Prozent aller unter Dreijährigen Krippenplätze gibt.
Bis 2010, so versprechen Sie uns, sollen 20 Prozent der Kleinsten einen Betreuungsplatz finden und in vielen Bundesländern Ganztagsschulen entstehen. Sogar über ein einkommensabhängiges Erziehungsgeld (was bedeutet: je höher das Gehalt, desto höher das Erziehungsgeld) denken Sie nach. Aber wird damit alles gut? Leider nicht! Dass die Deutschen so wenige Kinder bekommen, hat viele Gründe. Die wichtigsten:
Eltern stehen unter Dauerdruck
Kinder sind lebendig. Wenn sie laufen lernen, stolpern sie auch zwischen ein und drei Uhr mittags durch die Mietwohnung ihrer Eltern. Was die darunter Wohnenden - wie kürzlich in München geschehen - dazu veranlasst, sich einen Anwalt zu nehmen und die Hausverwaltung aufzufordern, diesen Lärm abzustellen.
Kinder spielen. Dabei geht es manchmal laut zu. Bis ein Nachbar seine Mittagsruhe einklagt. Deutsche Gerichte nehmen solche Klagen an. Dabei erreichen Kinder auf keinem Spielplatz die Dezibel-Zahl einer zweispurigen Durchgangsstraße. Doch gegen die Straße klagt keiner. Kinder brauchen, gerade in der Stadt, Platz zur Entfaltung. Auf Spielplätzen beispielsweise. Wo sie die finden?
In Paris, Hauptstadt des Landes mit der europaweit höchsten Geburtsrate, direkt unter dem Eiffelturm. Oder an der weltberühmten Place des Vosges, wo es ein Drei-Sterne-Lokal gibt und wo der ehemalige französische Kulturminister lebt. Wo es schön ist in Paris, dort ist auch Platz für Kinder.
Aber in München im Hofgarten, in Köln neben dem Dom, in Berlin zum Beispiel vor dem Reichstag?
Wo das "richtige" Leben stattfindet, kann man in Deutschland keinen Kinderlärm brauchen. Der wird ausgelagert - in Wohnanlagen am Stadtrand.
Das Rabenmütter-Klischee
Österreich, Deutschland, Italien, Spanien - diese vier Länder bilden in der europäischen Geburtenstatistik die traurige Schlussgruppe. In allen vier Ländern ist die öffentliche Betreuung im Kleinkind- und Schulkindbereich unzulänglich. Und alle vier haben eine faschistische Vergangenheit. Davon geblieben ist offenbar ein seltsames Mutterbild, das der "guten" Mutter, wobei "gut" immer "opferbereit" impliziert. "Gute" Mütter verzichten - auf Berufstätigkeit.
In den 50er-Jahren prägte der Soziologe Otto Speck den Begriff des "Schlüsselkindes" - der bis heute als Synonym für Vernachlässigung gebraucht wird. Schuld am Schlüsselkind waren - logisch - egoistische Frauen, die eine Berufstätigkeit anstrebten. Die Idee, das Schlüsselkinderproblem mit Ganztagsschulen zu lösen statt mit "Zurück an den Herd" - Parolen, setzte sich leider nicht durch.
Familienpolitik in Deutschland war fast immer ideologisch, seltenst pragmatisch ausgerichtet. So brach in den 80er-Jahren ein Sturm der Entrüstung los, als sich die damalige Familienministerin Ursula Lehr für öffentliche Kleinkindbetreuung aussprach.
Was für ein Albtraum - der Staat soll Kinder erziehen!
In Schweden sieht man das ganz anders - dort sind die Kindertagesstätten die staatliche Einrichtung, der die Bürger am meisten vertrauen.
Almosen statt Gerechtigkeit
Wenn nichts mehr läuft im Land, greift man in die Kasse. Auch dieser Tatsache hat Deutschland seine Rekordschulden zu verdanken. Die Erkenntnis, dass auch in der Politik nicht alles mit Geld zu machen ist (Bundeskanzler Schröder bekannte unlängst, die Kindergelderhöhungen seien Unsinn gewesen, man hätte lieber in Betreuung investieren sollen), kommt spät.
Deutschland gibt viel aus für Familien. 2001 investierte unser Land nach einer EU-Statistik pro Einwohner 749 Euro in Leistungen für Familien oder Kinder, Frankreich lag mit 658 Euro darunter.
Aber die Französinnen bekommen 1,9 Kinder, die Deutschen nuir 1,25. Fachleute sehen eine Ursache darin, dass in Frankreich der überwiegende Anteil des investierten Geldes in Betreuungseinrichtungen und in steuerliche Vorteile fließt, während in Deutschland zwei Drittel für direkte Leistungen wie das Kindergeld aufgewendet werden.
Wir nehmen Familien Geld über die Steuer - und zahlen es in Form von Kindergeld zurück. Ein Modell, bei dem pro Familienmitglied 8000 Euro jährlich steuerfrei blieben, würde dazu führen, dass ein Ehepaar mit drei Kindern und 40 000 Euro Jahreseinkommen keine Steuern mehr zahlt. Familien wären nicht länger Empfänger staatlicher Sozialleistungen. Sondern in der Lage, ihren Lebensunterhalt aus eigenem Einkommen zu bestreiten, weil der Staat ihnen genug vom Verdienten lässt.
Die Entwertung der Fürsorge
Eine Frau, die heute 20 ist, wird statistisch gesehen 83 Jahre alt. Die Weichen für ihr gesamtes Leben soll sie jedoch in 20 Jahren stellen - zwischen 20 und 40: sich beruflich etablieren, eine Partnerschaft eingehen, Kinder bekommen.
Der Berliner Soziologie-Professor Hans Bertram warnt: "In einem Lebenslauf, in dem alles auf einmal zu geschehen hat, bleibt das auf der Strecke, was gesellschaftlich besonders gering geachtet wird." Ganz offenbar ist dies in Deutschland derzeit das Kinderkriegen.
Diese Geringschätzung von Fürsorglichkeit entwertet die Familienarbeit von Müttern und Vätern und entmutigt Menschen, die sich der Familie widmen wollen.
Professor Bertram fordert, eine neue "Kultur der Fürsorglichkeit" müsse dafür sorgen, dass ein Wechsel zwischen Beruf und Familie kein Nachteil ist, den man später nicht mehr ausgleichen kann.
Unterbrochene Biografien haben besonderen Charme. Wo sie nicht möglich sind, entsteht eine kalte, allein ökonomischen Interessen unterworfene Gesellschaft.
Neue Männer verzweifelt gesucht
Zum Kinderkriegen gehören zwei. Beim Nicht-Kinderkriegen ist nur von einer der Rede: von der Frau. 40 Prozent der Akademikerinnen aus dem Jahrgang 1965 sind kinderlos - diese Zahl stand in allen Zeitungen. Und wie viele Männer?
Wie viele Frauen kennen Sie, die gern ein Kind hätten, aber keinen Vater finden?
In den letzten 50 Jahren hat sich bei den Frauen eine Menge geändert. Eine Berufsausbildung ist heute Standard, der Wunsch nach Beruf und Karriere genauso normal wie der nach einem Partner, mit dem man sich die Alltagsbewältigung teilt.
Leider sind die Männer die alten geblieben. Noch nicht einmal fünf Prozent machen von der Elternzeit Gebrauch, noch immer wird 80 Prozent der Familienarbeit von Frauen geleistet. Ein Mann, der seine Karrierechancen durch Teilzeitarbeit beeinträchtigt, ist ein Exot.
Kinder, so finden folgerichtig viele Männer sind keine attraktive Option, wenn es bedeutet, das man im Beruf zurückstecken und im Haushalt mehr anpacken muss und Unterhaltsverpflichtungen einzugeht.
Sehr geehrte Frau Familienministerin, Sie haben vor zwei Jahren ein schweres Amt angetreten, und seitdem ist es eher schwerer geworden. Denn wir brauchen mehr als Krippen, Ganztagsschulen und ein besseres Erziehungsgeld, so wichtig diese Elemente auch sind.
Wir brauchen einen Aufbruch:
- Weg von der Bequemlichkeit und Empfindlichkeit einer von Singles und Älteren geprägten Gesellschaft.
- Weg von der Entwertung unbezahlter Arbeit.
- Weg von der "Gute-Mutter-Nostalgie".
- Hin zu der Erkenntnis, dass nichts das Leben auf so wunderbare Weise verändert wie ein Kind. Und dass wir alle alles dafür tun müssen, damit jeder, der will, Kinder haben kann.
Wir werden Hunderttausende von Menschen in diesem Land nach ihrer Meinung fragen. Und Ihnen dann präsentieren, was Eltern und potenzielle Eltern wirklich wollen.
Lassen Sie es uns zusammen in die Tat umsetzen!
Ihre Marie-Luise Lewicki

