Da sitze ich vor einigen Monaten um 19.30 völlig fertig nach der Arbeit vor meiner wohlverdienten Pizza, als es an der Tür klingelt...Fünf Personen schauen mir da halb freundlich, halb grimmig entgegen und fragen mich nach meinem Namen. Ich antworte wahrheitsgemäß. Auch die Frage, ob ich alleine sei, bejahe ich entsprechend. Man erzählt mir mit (wahrscheinlich) Rücksicht auf große Ohren hinter verschlossenen Türen, dass man mich gerne gesprochen hätte, und hält mir einen Durchsuchungsbeschluss unter die Nase.
Ich bitte die Herren verständnislos, aber merkwürdigerweise ganz ruhig in die Wohnung. Ich setze mich wieder an meinen Platz, den ich eben inne hatte, und bitte die Herren, doch auch Platz zu nehmen. Man verzichtet, bis auf den "Wortführer". Er setzt sich mir gegenüber und reicht mir den Durchsuchungsbeschluss zum Durchlesen. Ich beuge mich vor und werde von einem Kollegen zügig, aber sanft wieder zurückgedrückt und festgehalten, während ein weiterer Kollege mein Besteck und die Pizza beiseite räumt.
Hollywood in Ostwestfalen - ich musste schmunzeln, war ich doch froh, mit dem Messer überhaupt die Pizza geschnitten zu bekommen. Nun hatte ich jedenfalls Zeit, mir den Durchsuchungsbeschluss durchzulesen: Ich war angezeigt wegen unerlaubten Waffenbesitzes, man vermutete in meiner Wohnung diverse Schusswaffen. Während mein Gegenüber die Personalien aufnahm, mir Rechte erklärte und diverse Fragen stellte, machten sich die Kollegen (bis auf einen, der war als Zeuge der Gemeinde vor Ort) an die Durchsuchung meiner Wohnung.
Durch das Gespräch mit meinem Gegenüber war schnell zu erkennen, dass es sich um sehr nette Herren handeln musste, die keinesfalls aus irgendeiner TV-Serienproduktion gehüpft waren. Und so war es auch mit den Kollegen. Die Frage nach einer illegalen politischen Organisationszugehörigkeit verneinte ich wahrheitsgemäß, worauf ein Kollege, der gerade mein Büro durchforstete und wohl an einige Ordner gelangt war, die Treppe herunter rief "das glaube ich gerne, 9. Klasse, Politik ausreichend". Und alles lachte.
Meine beiden Kater liefen frei in der Wohnung umher, der schüchterne von beiden versteckte sich irgendwo, der andere hat Menschen gegenüber gar keinen Respekt und vor allem keine Angst. Ein Fauchen und Knurren aus dem Schlafzimmer, ein "Autsch" und ein "der hier hat den Wesenstest aber auch nicht bestanden", und schon war wieder alles am Lachen.
Irgendwann mussten mein Gesprächspartner und ich das Wohnzimmer räumen, da dort gesucht werden sollte, und wir begaben uns ins Büro. Auf die nun gestellte Frage, ob ich denn Schusswaffen besitzen würde, antwortete ich wahrheitsgemäß ebenfalls mit "ja", woraufhin direkt zwei Kollegen zur Stelle waren. Der eine überprüfte meine Unterlagen die Waffen betreffend, der andere hielt mich im Auge, während mein Gegenüber sich die Waffen näher ansah. Mit einem grinsenden "da sieht man mal wieder, wer Geld hat" übergab er sie seinem Kollegen, der die Seriennummern prüfte und sie vorerst wegsteckte.
Fragen häuften sich, wo Munition etc. aufbewahrt wird, ob es Ersatzmagazine gäbe etc., als von unten aus dem Büro eine Stimme hoch rief "Chef, wir haben ein Depot gefunden". "Chef" begab sich nach unten, während die beiden Kollegen mich oben nicht mehr ganz so freundlich anschauten. Von unten kam lautes Gelächter...... man hatte die Couch an die Wand gestellt, und unter ihr befanden sich geschätzte 20 bis 30 Feuerzeuge......... alle fein sorgfältig von den Katzen versteckt, und ich fahre immer an die Tanke und kaufe mir neue.
Ein paar Fragen wurden geklärt, Seriennummern der Waffen notiert, die Anzahl der Munition gezählt und mir beides wieder übergeben. Danach musste ich die Katzen einfangen, denn............ ein Kollege wartete noch im Auto, mit zwei Schäferhunden. Total süße Kerlchen, natürlich wollte ich sie streicheln. Mit einem lauten "hey, nicht ablenken" wurde ich zurückgehalten, und viel freundlicher kam hinterher "das sind nämlich totale Schmuser, nachher konzentrieren die sich nicht mehr auf die Arbeit".
Nachdem die Wohnung für drogen- und sprengstofffrei erklärt wurde, kam dann noch die Frage, wo meine beiden Motorräder geparkt seien. Ich beschrieb den Weg zur Garage, und die Hunde machten sich auf zum nächsten Job. "Chef" wunderte sich darüber, warum man keinen Autoführerschein besitzen würde, und stattdessen auch im Winter Motorrad fährt, und das 60 km zur Arbeit. Man unterhielt sich locker über Motorräder bis der Diensthundeführer wiederkam. Er meinte nur "alles in Ordnung" und "die klaut Ihnen so schnell kein Mensch - ihr Schwiegervater hat da alles voll im Griff". Der kam wohl aus seiner Garage mit einer Rohrzange auf den Polizisten zu, als der meine Garage aufschließen wollte.
Ein paar freundliche Worte wurden noch gewechselt, man entschuldigte sich für die Störung und ließ mich allein im Chaos. Nicht so schlimm wie im Film, aber aufräumen musste ich danach dann doch. Ein Lachen konnte ich mir nicht verkneifen, als ich einen Einmal-Handschuh auf dem Katzenklo liegen sah.
War ich die ganze Zeit total ruhig, konnte ich danach noch nicht mal eine Tasse Kaffee festhalten und musste erstmal meine Eltern anrufen.
Das Wochenende verging, der Montag kam und ich saß in einer Besprechung, als meine Assistentin uns störte. Sie bat mich heraus, was ich mit Hinweis auf die Besprechungsteilnehmer ablehnte. Sie zischte nur "Staatsschutz" und hielt mir die Tür auf. Ich begab mich zum Empfang, wo ein Herr in Jeans und Flanellhemd lässig an einer Säule lehnte, die Hand auf der Dienstwaffe abgestützt. Er fragte mich nach meinem Namen, stellte sich als ein Beamter des Staatsschutzes vor und wies sich aus. Unsere Empfangsdame wurde kreidebleich. Ich glaube, ich auch. Da klopfte er mir fast kumpelhaft auf die Schulter und meinte, dass sein Kollege, der "Schussel", nun im Urlaub wäre und ganz vergessen hätte, dass ich noch unterschreiben müsse, dass man die Schusswaffen in meinem Besitz belassen hätte. Nach der Unterschrift verabschiedete er sich mit einem "danke, tschüssi, weitermachen" und war weg.
Unglaublich, aber wahr!!! Der Grund für die Anzeige? Würde zu lange dauern, aber nennen wir es "Übereifrigkeit" eines Mitbürgers, ohne mich auf die Legalität meiner Schusswaffen vorher einmal anzusprechen. Das Verfahren wurde dann wenige Zeit später eingestellt.
Von einem "armen" Bürger...den ich zwar nicht kenne...aber seine Geschichte hat mir sehr gefallen... :)

