Das Phänomen Stalking, die systematische Belästigung eines Menschen, wird nach einer neuen Studie noch immer von der Polizei unterschätzt. Viele Hilfe suchende Opfer gaben an, dass die Beamten den Ernst der Lage nicht erkannt hätten, heißt es in der Untersuchung der Technischen Universität Darmstadt (TUD). Für die bislang umfassendste Studie zu dem Thema im deutschsprachigen Raum hatte die Arbeitsgruppe "Stalking" Fragebögen ins Internet gestellt, die von 550 Opfern sowie knapp 100 Tätern anonym beantwortet wurden.
Rund 40 Prozent der Verfolgten suchten die Polizei auf, um Anzeige zu erstatten. Dabei machte jeder zweite Betroffene (69 Prozent) schlechte Erfahrungen. So hätten einige Beamte erklärt, sie könnten nichts tun, "dem Opfer müsse erst ein Messer im Rücken stecken". Andere spielten das Problem mit Sätzen wie "Freuen Sie sich doch über den Verehrer" herunter oder taten es als Privatsache ab.
"Die Polizei orientiert sich sehr am Strafrecht", erklärte Diplom-Psychologe Jens Hoffmann von der Arbeitsgruppe dieses Verhalten. Deshalb begrüße er den Vorstoß der Länder Rheinland-Pfalz und Hessen, Stalking unter Strafe zu stellen.
Ex-Partner, meist männlich
Die Studie ergab außerdem, dass die meisten Opfer und Täter sich bereits vorher kannten (91 Prozent), in der Hälfte der Fälle war der Stalker der Ex-Partner. Die Täter sind überwiegend männlich (81), die durchschnittliche Dauer der Belästigung betrug mehr als zwei Jahre. "Beunruhigend ist das Ausmaß der Gewalttätigkeiten", sagte Hoffmann. So berichteten 40 Prozent der Verfolgten von Angriffen, ein Teil davon mit Faustschlägen und Waffengewalt.
Das Stalking macht Opfer und Täter gleichermaßen krank. Die Verfolgten berichten über Angstzustände (92 Prozent), die oft auch nach Ende der Bedrohung anhalten. Zwei Drittel litten unter Schlaflosigkeit und Albträumen. Jedes vierte Opfer konnte zeitweise nicht mehr arbeiten. Die Fehlzeiten betrugen im Durchschnitt 61 Tage.
Bei den Tätern gab die Hälfte an, dass sich ihre Persönlichkeit durch das Stalking verändert habe. Die Folgen seien Depression (60), Schlafstörungen (50) und Nervosität (41). Mehr als jeder Dritte (38) erklärte, sich wegen Stalking behandeln zu lassen.
Hohes Bildungsniveau
Für eine Überraschung sorgte nach Auskunft von Hoffmann das Bildungsniveau der Stalker: 55 Prozent von ihnen haben Abitur oder sogar ein Studium abgeschlossen. "Die meisten Verfolger sind ledig und sehen die Erfolglosigkeit ihrer Bemühungen, machen aber trotzdem weiter", sagte der Psychologe. Ihre Beharrlichkeit begründeten sie mit der schicksalhaften Verbindung zum Opfer (42) oder dem Gefühl der Fürsorge (32). Seltener genannt wurden Rache (28) oder Macht (14).
Diese Angaben zeigen für Hoffmann deutlich das Ausmaß der Realitätsverzerrung. "Das erklärt die Erfahrung, dass Gespräche so gut wie nie zu einer Beendigung der Belästigung führen."
Die Studie zeige auch, dass die Beratung auf allen Seiten gefördert werden müsse und zusätzliche Studien nötig seien. Dafür fehle jedoch das Geld, sagte der Psychologe. "Die Politik schlachtet das Thema zwar werbewirksam aus, hält sich mit Forschungszuschüssen jedoch zurück", erklärte er.
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