(n-tv) Die Zahl der Abtreibungen in Deutschland ist wieder leicht gestiegen. 129.600 Schwangerschaftsabbrüche wurden 2004 gemeldet, das waren 1,3 Prozent (oder 1.600) mehr als im Vorjahr.Besonders stark war der Anstieg im vierten Quartal mit rund 4 Prozent gegenüber dem Vergleichszeitraum des Vorjahres, gab das Statistische Bundesamt in Wiesbaden bekannt.
Fachleute sehen einen Zusammenhang mit einer wachsenden Zukunftsangst. "Die Verunsicherung bei den Frauen ist stark gestiegen", erklärt Katrin Jürgensen von der Vereinigung zum Schutz des menschlichen Lebens, Donum Vitae, in Bonn. Die Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes, vor der Zukunft mit Blick auf Hartz IV und das Arbeitslosengeld II habe im letzten Quartal 2004 zunehmend eine Rolle in den Beratungsgesprächen gespielt. Donum Vitae hat bundesweit 178 Beratungsstellen zur Schwangerschaftskonfliktberatung.
Mehr als 97 Prozent der Abbrüche wurden 2004 nach der Beratungsregelung vorgenommen: Seit 1995 bleibt ein Schwangerschaftsabbruch in den ersten zwölf Wochen straffrei, wenn die Frau sich zuvor beraten lässt. Seither sank die Zahl der Abtreibungen meist, am höchsten war sie laut Statistik 2001 (134.964), am niedrigsten 2003 (128.030).
Auch Pro Familia hat den Eindruck, dass sich Schwangere aus Angst vor Arbeitslosigkeit stärker überlegen, ob sie ein Kind kriegen wollen. Die Sprecherin der Gesellschaft für Familienplanung und Sexualberatung, Regine Wlassitschau, sagte, es gebe jedoch noch keine Daten, die diesen Eindruck gesichert belegen könnten. "Das muss man langfristig betrachten."
Für gut 40 Prozent der Frauen, die 2004 eine Schwangerschaft abgebrochen haben, wäre es das erste Kind gewesen. Jede zweite Frau war zum Zeitpunkt des Eingriffs laut Statistik ledig, 44 Prozent waren verheiratet. Fast drei Viertel der Schwangeren, die einen Abbruch vornehmen ließen, waren zwischen 18 und 34 Jahre alt. 7 Prozent hatten ihren 40. Geburtstag hinter sich und 6 Prozent waren minderjährig. Damit war der Anteil der Teenager, die abtreiben ließen, genauso hoch wie 2003, aber deutlich höher als 1996 (3,6 Prozent).
Gut 80 Prozent der Eingriffe wurden mit der Absaugmethode vorgenommen und nur rund 7 Prozent mit der Abtreibungspille Mifegyne. Damit sei der Einsatz von Mifegyne im europäischen Vergleich immer noch sehr gering, sagte die Medizinerin Ines Thonke von Pro Familia. In Schottland, Schweden und der Schweiz werde etwa die Hälfte der Abbrüche mit der Abtreibungspille vorgenommen, und die Erfahrungen mit Mifegyne seien "ausgezeichnet". In Deutschland gebe es aber dazu immer noch zu wenig Informationen. Außerdem werde der Abbruch mit dem Medikament für die Ärzte nicht ausreichend vergütet. "Der Aufwand rechnet sich nicht." Dies solle sich jedoch im April ändern.
