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onedaydie
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« am: 09. Dezember 2006, 09:44:02 » |
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Zwischen Weihnachtseinkäufen und Punschständen sollte man sich immer wieder mal die Zeit nehmen, um sich's gemütlich zu machen. Ihnen ist kalt, nicht? Ihnen ist jetzt nach etwas Warmem, Kuscheligem, Anheimelndem. Etwas für die Seele und die gemütliche Teekerzenstunde, die Sie nicht ganz alleine auf Ihrer cremefarbenen Designerlichtinsel verbringen möchten. Etwas zum Anlehnen und Festhalten vielleicht, oder auch zum Zuhören, ohne dass Sie ständig am Lautstärkeregler drehen oder den Sendeplatz wechseln müssen. Ihnen ist noch viel kälter? So kalt, dass Sie schon gar nicht mehr wissen wohin mit Ihren frostigen Gedanken und Füßen außer unter die Katze? Dann kann ich leider nichts für Sie tun. Außer gemeinsam mit Ihnen zu zittern.
Ich bin nämlich ein modernes Märchen, müssen Sie wissen. Eine von diesen Geschichten, die zum Schluss zwar immer gut ausgehen, in denen es auch zwischendurch mal heimelig und warm wird, die aber am Ende dann doch wieder in der Schublade landen, oder auf dem Stapel unerledigter Dinge, die noch bis nächstes Jahr Zeit haben.
Sie haben keine Zeit bis nächstes Jahr, Sie und Ihre Weihnachtsgänsehaut? Sie brauchen jetzt sofort etwas Aufmunterndes? Mhm, das tut mir ja nun leid. Vielleicht versuchen Sie es mal statt mit einem modernen Märchen mit einem Online-Flirt-Dienst. Da findet sich auch auf die Schnelle immer was Passendes. Richtige Geschichten dagegen brauchen etwas Zeit, wissen Sie. Ich bin da keine Ausnahme, daran ändert auch das Moderne nichts. Bevor es bei mir so richtig zur Sache geht, schlage ich zunächst am liebsten einen großen Bogen Papier um alles, was Probleme machen könnte. Und das Problem sind in diesem Falle ganz eindeutig Sie, liebe Leserin. Sie sind einfach viel zu ungeduldig.
Ach, Sie sind gar keine Leserin? Sie sind ein Leser? Ja, warum hat mir das denn keiner gesagt, dass hier auch Männer zu finden sind? Damit rechnet doch keiner. Dann hätte ich doch meinen Auftritt ganz anders vorbereitet, und mich vor allem auch ein bisschen sorgfältiger zurechtgemacht. Moment bitte, ich ziehe mir nur schnell eben die Lippen nach und könnte bitte mal jemand die Nase und das Haar? So kann ich doch hier nicht erscheinen, also wirklich. So, danke, das ist besser. Viel besser.
Gefällt es Ihnen? Hochgesteckt passt besser zu meinem tiefen Ausschnitt, finden Sie nicht auch? Ach, Sie haben den Unterschied zu vorher gar nicht bemerkt? Naja, das wird an der Beleuchtung liegen, wissen Sie? Bei Leselicht sieht schnell alles gleich aus.
Ein Mann also. Ein richtiger Mann. Ist ja ein Ding! Und auch noch einer, der lesen kann. Dann ist es natürlich ein Leichtes für mich, Sie auf andere Gedanken zu bringen. Obwohl, wenn ich es mir so recht überlege, Männer denken vermutlich auch zur Weihnachtszeit immer nur an das Eine. Mit großem E. Wie Eva. Aber die Geschichte kennen Sie ja bestimmt schon. Ist ja ein alter Hut, wenn man lesen kann.
Wie? Das stimmt gar nicht, das Männer immer nur an das Eine? Das ist nur ein Ammenmärchen, sagen Sie? Das ist jetzt aber interessant, dass Sie das sagen. Wenn es ein Märchen ist, müsste ich es ja eigentlich kennen. Wie heißt es denn genau? Wissen Sie vielleicht mehr darüber? Nein? Ach, das ist aber schade. Nun, vielleicht ist es ja auch nur entfernt verwandt mit mir, und gehört eher ins Reich der Sagen und Legenden. Sie wissen schon, diese etwas langatmigen Geschichten mit den Heiligenscheinen. In echten Märchen kommen ja mehr Hexen und Teufel vor, und Prinzessinnen und Prinzen. Und Frösche natürlich; zumindest als Rohfassung. Die meisten Verlage finden Frösche und die ganze Küsserei, die damit zusammenhängt, allerdings inzwischen etwas altmodisch. Man geht ja insgesamt wieder ab von zuviel Grün, nicht nur politisch; statt Weihnachtsbäumen nimmt man jetzt gerne getrocknete Äste und Zweige, die man kalkweiß streicht, das passt besser zu den modernen Einrichtungen und Leichenbittermienen am Gabentisch. Kommt aus dem Ausland, diese neue Mode, wie ja fast alles inzwischen.
Aber entschuldigen Sie bitte, ich schweife vom Thema ab. Wo waren wir doch gleich? Ach ja, beim großen E. Wie Eva. Und Ihren Wunschvorstellungen für die Weihnachtszeit. Ach, die gelten das ganze Jahr über, sagen Sie? Das macht die Sache natürlich doppelt einfach. Warum haben Sie das denn nicht gleich gesagt? Wie? Weil ich Sie nicht zu Wort kommen lasse?
Wissen Sie, das finde ich jetzt schon ein bisschen ungerecht von Ihnen. Ich wollte ja nur, dass es Ihnen besser geht als Sie aussehen. Und mich ganz nach Ihren Wünschen richten. Schließlich ist bald Weihnachten, da kümmert man sich eben um seine lieben Nächsten, auch um seine lieben nächsten Leser. Selbst wenn es nur einer ist. Wenn man schon für seine Leserinnen nichts weiter tun kann.
Typisch Frau, sagen Sie? Ja, aber wieso das denn? Nur weil ich eine Geschichte bin? Und damit weiblich? Aber um Himmels Willen, dann betrachten Sie mich doch einfach als Märchen, das ist doch viel neutraler. Und moderner. Da müssen wir doch gar nicht drüber diskutieren.
Sie diskutieren gar nicht, sondern nur ich? Wissen Sie, ich finde, jetzt gehen Sie doch etwas zu weit. Dafür, dass wir noch am Anfang sind, werden Sie hier ganz schön persönlich, werter Herr. Was kann ich denn dafür, dass Sie Weihnachten dieses Jahr alleine unter einem vertrockneten weißen Zweig mit einer vertrockneten Gans verbringen müssen? Habe ich Sie da etwa hingesetzt? Das war doch Ihre Idee, lesen Sie doch selber nach, wie es dazu gekommen ist.
Typisch Mann, nie zuhören können und dann immer uns Frauengeschichten die Schuld in die Schuhe schieben, wenn es kompliziert wird. Puh. Also wirklich.
Aber ich will mal nicht so sein, mein Lieber, und es nochmal mit Ihnen versuchen. Was also wünschen Sie sich denn nun genau zu Weihnachten? Wie, einen Engel? Ich dachte, Sie wollten eine richtige Frau. Mit großem E. Wie Eva. Mit Äpfeln und dem ganzen übrigen Simsalabim.
Das haben Sie so nie gesagt? Das war alles meine Idee? Moment, das haben wir gleich. Ich sehe mal weiter oben nach. Da steht es schließlich schwarz auf weiß.
Oh, das tut mir jetzt aber leid. Wirklich. Das ist mir gar nicht aufgefallen, wissen Sie? Ich hätte schwören können, dass das mit dem großen E. von Ihnen kam. Mhm, sowas aber auch. Ob es sich vielleicht um eine Druckfehler handelt? Aber das kann ich später noch klären, jetzt wollen wir uns erst mal um Ihre Wünsche kümmern. Also kein großes E. Das habe ich jetzt aber richtig verstanden, ja? Vielleicht ein kleines? Oder ein leicht schräges? Wenn Sie wollen, können Sie die ganze e-Familie bekommen. Ein e-Book, sozusagen, wie fänden Sie das? Zu anstrengend? Ach, Sie sind wirklich kein leichter Fall.
Dann möchten Sie also jetzt einen anderen Vokal. Oder vielleicht doch lieber einen handzahmen und anschmiegsamen Konsonanten? Kostet ja nichts, wir sind hier ja nicht beim Fernsehen, und live ist es auch nicht, da können wir nachher mit zarter Hand noch mal drüber gehen und alles nach Ihren Vorstellungen gestalten. Schließlich ist es ja Ihr Weihnachten, nicht? Na, was meinen Sie? Ein M. vielleicht? Das ist doch genau das Richtige zur Weihnachtszeit. Ein M. wie Maria? Ach, das ist Ihnen zu heilig, das hatten Sie schon. Sie haben eher an etwas Leidenschaftlicheres gedacht. Ja, da muss ich mal überlegen, eine Leidensgeschichte ist es ja schon, Weihnachten, im weitesten Sinne, allein schon jahreszeitlich, man könnte also vielleicht ein P. einbauen, für Passion. Oder Paula.
Paula ist Ihnen zu altmodisch. Altmodisch hatten Sie auch schon. Ja, jetzt machen Sie bitte doch auch mal einen Vorschlag, irgendwie müssen wir hier schließlich mal vorankommen kommen, hin zum Ende, meine ich. Ich habe auch privat noch genug zu tun, Sie wissen schon, Zimtsterne backen und so. Falls ich überhaupt noch Backpapier zu Hause habe. Sonst müsste ich jetzt nämlich langsam mal einkaufen gehen. Ach, Sie auch? Das trifft sich ja gut. Vielleicht besprechen wir den Rest einfach bei einem Einkaufsbummel und einem anschließenden Gläschen Glühwein? Ich kenne da einen Stand mit ganz ausgezeichnetem Winzerglühwein, der dürfte sogar Ihnen feurig und leidenschaftlich genug sein.
Wissen Sie was? Da fällt mir spontan was ein. Genau so machen wir es. Wir probieren, ob Ihnen der Glühwein schmeckt, und wenn Ihnen die Lage zusagt, dann schreibe ich Ihnen eine ganze Kiste oder zwei auf. Dann können Sie sich abends zuhause ungestört bei einem Glaserl auf warme Gedanken bringen, und in Seelenruhe das ganze Alphabet von vorne bis hinten durchprobieren, bis Ihnen ein passender Rauschgoldengel vorschwebt. Und ich kann den Rest des Manuskripts hier als Backpapier verwenden. Ist das nicht perfekt ausgedacht? Und wenn alles nichts hilft, rufen Sie mich einfach an. Ich bin ja schließlich nicht umsonst ein modernes Märchen. Die ein oder andere Teufelsbraut habe ich schon noch auf Lager.
Hallo? Sind Sie noch überhaupt noch da? Ja, aber Sie können doch hier nicht einfach einschlafen. Sie schnarchen hier ja alles voll. Das ist doch keine Kinderstunde, und ich keine Gutenachtgeschichte.
Ach, Sie schlafen gar nicht? Sie haben nur laut nachgedacht? Ja, worüber denn, wenn ich fragen darf? Das klang ja richtig angestrengt. Ob ich den Glühwein und das Alphabet zusammen mit einer Bilddatenbank liefern kann? Also das weiß ich nicht, da müsste ich erst mal nachfragen, weiter oben, Sie verstehen? Als Weihnachtsmärchen bin ich am Ende nun mal nicht völlig frei in meinen Entscheidungen. Und das Spesenkonto ist dieses Jahr auch etwas schmaler ausgefallen als sonst.
Schmal ist gut? Wieso das denn? Ach so, Sie meinten die Engelstaillen. Na, dann werde ich mal sehen, was ich für Sie tun kann, und ein gutes Wort für Sie einlegen, weiter oben. Hier unten sind wir doch jetzt fürs erste fertig, oder? Und wenn das mit der Datenbank nichts wird, dann besuchen Sie doch mal einen Online-Flirt-Dienst. Da wird Ihnen jeder Wunsch erfüllt, von A bis Z, und es macht Ihnen auch keiner ein X für ein U vor. Woher ich das weiß? Ach, hatte ich das eingangs nicht erwähnt? Ich arbeite nebenberuflich in einem Flirtforum als Standardtextvorlage.
"Schmusekätzchen, schlank, attraktiv, liest Dir jeden Wunsch von den Augen ab." Das ist von mir. Gut, nicht? "Kuschelbär, tageslichttauglich" übrigens auch. Ach, und bitte entschuldigen Sie das Du. Das liegt am Standardtext. Wir duzen uns im Flirtforum nämlich alle. Genau wie in einer richtigen, großen, glücklichen Familie. Bei uns ist das ganze Jahr über Weihnachten, wissen Sie? Deshalb habe ich ja auch so wenig Zeit für meine traditionelle Kundschaft. Und das Plätzchenbacken.
Mögen Sie übrigens Zimtsterne? Und wollen wir nicht einfach beim Du bleiben, wo wir schon mal beim Wünschen und Warmwerden sind?
irschendwoausemwehwehweh
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