Liebe Leute,
seid froh, wenn Ihn nicht in so einer Situation steckt wie die gezeigte Mutter. Habe selbst ein Kind, das ständig ausrastet. Gespuckt hat er noch nicht, aber dafür kratzt und kneift mein ansonsten supernetter, feinfühliger und auch recht intelligenter und super temperamentvoller Sohn (8 Jahre). Mal ganz abgesehen von seinen überaus widerwärtigen Verbalangriffen (die man allerdings nicht persönlich nehmen sollte).
Früher, als er klein war, da war alles noch ganz easy. Da half die Methode "ich zähle jetzt bis drei" oder das vor die Tür stellen, wenn´s zuviel wird. Da war auch jemand da, der mich zumindest ab und zu mal ohne Aufforderung unterstützt hat. Aber dann...
Ein Ehemann, der macht, was er will, der sich aus der Erziehung raushält und einen bei Konflikten mit dem Kind auflaufen lässt, bis man auf dem Zahnfleisch kriecht etc., das möchte ich hier lieber nicht weiter ausführen.
Und irgendwann ist man so überlastet mit Kind erziehen, Geld ranschaffen, Hortplatz weg etc., dass man nicht mehr kann und folglich auch das Durchsetzungsvermögen gegenüber dem Kind eingeschränkt ist. Dann kommt der Rückzug, und das ist die Katastrophe.
Und das ist der Anfang von dem, was Ihr da gesehen habt. Man lässt Dinge (zum Teil jahrelang) laufen, man reagiert zu langsam. Man steckt in einem Sumpf und kämpft an zu vielen Fronten ums nackte persönliche Überleben.
Zwischendurch ist es dann wieder gut, aber bei jeder kleinen Störung des allgemeinen Wohlbefindens und auch immer, wenn man gerade selbst keine Power hat, powert das Kind los. Als ob es das riechen würde, dass man keine Kraft mehr hat, um sich durch zu setzen.
Ich rede hier nicht von einfühlsamen lieben Mädels (solche Konflikte gab´s zwischen mir und meiner Mutter - auch alleinerziehend - nicht). Ich rede von hier von temperamentvollen Kindern, die ihren Willen schon als Kleinstkinder durchsetzen wollten und durften und denen -. aus welchen Gründen auch immer - schon früher viel zu oft nachgegeben wurde.
Ganz schnell ist man dann auf der Meckerschiene, die natürlich gar nichts bringt. Zu viel Reden ist schädlich. Nachgeben ist ne Katastrophe, zwischendurch Phasen der Ruhe, dann aber wieder der totale Zoff mit dem Kind, dass auch nicht weiß, wie es seinen Frust ab arbeiten soll.
Die Supernanny (in der Realität wohl eher der Besuch der Erziehungsberatung) ist ne gute Lösung. Natürlich läuft das nicht so wie im Fernsehen ab. Man kann die Eltern nicht vor dem Kind zurechtweisen. Das untergräbt ja noch das letzte bisschen Autorität. Aber im Prinzip hat sie recht, die Nanny.
Regeln und klare Tagesabläufe müssen her, und man muss wieder lernen, sich durchzusetzen und nicht alles 3mal zu sagen. Jede Missachtung der Regeln muss klar erkennbare Konsequenzen nach sich ziehen. Jede Einhaltung der Regeln muss aber auch belohnt werden. (Es hört sich blöde an, aber in der Erziehung eines Welpen sind wir konsequent, weil wir wissen, was auf uns zu kommt, wenn wir es nicht sind. Bei der Erziehung unseres Kindes vergessen wir das oft. Leider...)
Bei uns wird gerade ein Sternchensystem benutzt für gut gelaufene Tage. Am Ende des Tages wird gemeinsam Bilanz gezogen, wie es gelaufen ist, und wieviel Sterne (1, 2 oder 3) es wohl geben müsste. Nach 15 Sternchen gibt es was nettes (wird aber nicht verraten, was). Natürlich gibt´s Sterne nicht für Selbstverständlichkeiten wie Zähneputzen. Aber das System hilft dem Kind bei der Selbstkontrolle des Verhaltens. Bei aufkeimenden Konflikten führt der Verweis auf die Sterne dazu, dass sich mein Sohn Gedanken über sein momentanes Verhalten und die Konsequenzen macht. Er fährt sich dann schnell wieder runter.
Nätürlich ist es noch besser, wenn man wieder öfter ein Lob ausspricht, denn auch solche Dinge gehen bei Überbelastungen leicht verloren. Und Jungs muss man ständig loben. Sie vergessen so etwas schnell wieder und der Effekt ist weg.
Und für alle, die ähnliche "Probleme" mit ihren oft zutiefst verunsicherten, aufmüpfigen, feinfühligen Kindern haben, empfehle ich das Triple P Eltern-Training. Es entlastet auch ADHS-geplagte Eltern, deren Kinder ja noch ne Nummer heftigfer sind (habe selbst mal eins erlebt und dacht, oh, da steht ja Dein Kind hoch drei).
Ach ja, und dann für alle entspannten Eltern noch eine kleine Frage nach dem Motto, wie würden Sie vorgehen:
Mein Sohn (8 J.) und sein bester Freund (6 1/2 J.) sitzen auf dem Rücksitz meines Autos und streiten sich, während ich fahre, bis aufs Blut.
Ich brülle nach hinten, sie sollen mit der Streiterei aufhören, weil ich sonst einen Unfall baue. O-Ton mein Sohn: "Der hat aber angefangen."
O-Ton ich: "Das kann schon sein, aber ich möchte, dass Ihr jetzt aufhört, sonst fahre ich gegen einen Baum."
Keine Reaktion. Mein Sohn:"Das ist ungerecht!" Er kämpft weiter für seine Rechte. Sein Freund gibt auch nicht nach. Zwei kleine alpha-Tiere kämpfen dahinten auf meiner Rücksitzbank.
Ich bremse, um die Situation zu verdeutlichen. Mein Sohn fliegt in den Gurt und brüllt:"Du bist schuld, jetzt hätte ich mir fast den Hals gebrochen!" Er reißt seinem Freund in den langen Haaren herum. Dieser piekst ihn in die Augen.
Ich:"jetzt reicht es aber. Haltet Frieden dahinten, so kann ich nicht fahren!".
Ich suche verzweifelt einen Parkplatz. Das dauert etwas, der Streit geht weiter. Ich parke, öffne die Hintertür und brülle:"Aufhören!" Es ist kurz Ruhe, aber dann fangen die beiden wieder an, sich zu piesaken.
So geht es also nicht weiter. Ich:"Lio, Jan, hört jetzt auf! Jan, komm bitte aus dem Auto!" Keine Reaktion. Ich reiße meinen strampelnden schimpfenden Sohn ziemlich fest am Ärmel aus der Autotür, um die zwei Streithähne zu trennen, bevor ein Unglück geschieht, wobei es ein bisschen kraxt.
Mein Sohn verzieht wütend das Gesicht und boxt mir in der Öffentlichkeit mit aller Wucht in die Magengrube. Ich stehe da und darf mich jetzt entscheiden, ob ich das vor allen Leuten so hinnehmen will, oder ob ich mich wehre. Ich wehre mich und versetze meinem Kind im Reflex einen Schwinger mit der Hand und sage:"Es reicht jetzt!"
Aber es reicht nicht, mein Sohn tritt und kratzt, weil er sich ungerecht behandelt fühlt, und weil ich seine Jacke kaputtgemacht habe. Das habe ich in seinen Augen natürlich mit Absicht getan. Überhaupt findet er ständig, dass er ungerecht behandelt wird.
Ich bin entsetzt, dass es soweit gekommen ist, dass ich meinem Kind eine verpasst habe. Wer schlägt hat Unrecht? - Aber wer lässt sich schon gern vor anderen von seinem Kind schlagen? Und wie würdet Ihr als Einzelperson zwei Kinder trennen, die Worten nicht mehr zugänglich sind und sich gemeingefährlich beharken?
Wären beide schon älter gewesen, hätte ich sie mit dem Bus nach hause geschickt. Aber das war hier nicht möglich. Also, liebe Supernanny, dann schieß mal los!